AUSSTELLUNG

Paris: Erinnerungen an Russland

In seinem ersten Jahr in Paris, 1911, malte Chagall immer wieder Witebsk. Die kreative Darstellung der Heimatstadt verwebt Wirklichkeit und Fantasie und erweist sich als kunstvolles Instrument, mit dem sich in Darstellungen der ländlichen jüdischen Bevölkerung und einer Ikonographie, die den Einklang von Mensch und Tier in den Mittelpunkt stellt, die Verbindung zur Heimat aufrechterhalten lässt. Berühmte Bilder wie «Ich und das Dorf», 1911, evozieren freudige Erinnerungen an die chassidische Gemeinde in Witebsk. Auf geniale Weise kombiniert er den chassidischen Gedanken der Verbindung zwischen Natur und Mensch mit der neuen Bildsprache der französischen Moderne.

Ich und das Dorf Marc Chagall, Ich und das Dorf, 1911
Öl auf Leinwand, 192,1 x 151,4 cm
The Museum of Modern Art, New York,
Mrs. Simon Guggenheim Fund, 1945

Prismatische Bilder: Chagall und der Kubismus

Chagall hat mehrfach erklärt, seine Kunst sei autodidaktisch und er selbst von allen Strömungen unabhängig, doch die zerlegten Formen und multiplen Perspektiven des Kubismus tauchen schon bald in seinen Bildern auf. In der Auseinandersetzung mit aktuellen künstlerischen Trends bei gleichzeitiger Wahrung der eigenen Identität offenbart sich Chagalls persönliche Interpretation des Kubismus und sein Talent, kubistische Formen den eigenen, gestalterischen Bedürfnissen zu unterwerfen. Das grossformatige, imposante Gemälde «Halb vier Uhr (Der Dichter)», 1911, weist deutliche kubistische Tendenzen auf, die von einer überraschend nichtnaturalistischen Farbgebung und mehreren Schichten literarischer Anspielungen, unter anderem dem Fragment eines Liebesgedichts, konterkariert werden.

Halb vier Uhr Marc Chagall, Halb vier Uhr (Der Dichter), 1911
Öl auf Leinwand, 195,9 x 144,8 cm
Philadelphia Museum of Art,
The Louise and Walter Arensberg Collection, 1950

Farbensturm: Chagall und der Orphismus

Während seines Paris-Aufenthalts war Chagall nur mit einem anderen Künstler eng befreundet, dem Franzosen Robert Delaunay. 1912 und 1913 arbeitete Chagall in mehreren Bildern mit kontrastreichen Farben, die sich optisch Delaunays Begriff der «reinen Malerei» annähern – einer Vorstufe der Abstraktion und Kubismus-Variante, die von Apollinaire im Oktober 1912 den Namen «Orphismus» erhielt. Chagall interessierte sich für Delaunay, denn seine Verwendung transparenter, leuchtender und komplementärer Farben war ein faszinierender Schritt weg von den muffigen Erdtönen der kubistischen Paletten. Auch bei den Motiven fand ein Transfer zwischen beiden Künstlern statt: Pariser Wahrzeichen wie der Eiffelturm, der in Delaunays Bildern immer wieder vorkommt, tauchen bald auch bei Chagall auf, so etwa in «Paris durch das Fenster gesehen» von 1913.
«Hommage an Apollinaire», 1911/12 war das Glanzstück in Chagalls Einzelausstellung in Herwarth Waldens Berliner Galerie «Der Sturm» im Frühjahr 1914. Die dicht gehängte Ausstellung begründete in Deutschland Chagalls unangefochtenen Rang als führender Vertreter der frühen Moderne.

Hommage an Apollinaire Marc Chagall, Hommage an Apollinaire, 1911/12
Öl auf Leinwand, 200,4 x 189,5 cm
Collection Van Abbemuseum, Eindhoven

Rückkehr nach Russland 1914: Krieg und Liebe

Im Anschluss an die Berlinreise 1914 fuhr Chagall weiter in die russische Heimat, wo er nur ein bis zwei Monate bleiben wollte, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 vereitelte jedoch die Rückkehr nach Paris. Das freudigste Ereignis nach Chagalls Heimkehr war die Hochzeit mit seiner Braut Bella Rosenfeld im Juli 1915. Die Beziehung zu Bella beflügelte Chagalls Kreativität. Er malte mehrere bedeutende Porträts von sich und Bella, darunter «Die Liebenden in Blau», 1914. Kubistische Einflüsse, die Chagall in Paris so kreativ weiterentwickelte, kehren in einer anschliessenden Serie von Witebsker Stadtansichten und Gemälden wie «Der Spaziergang» von 1917/18 wieder; dort wiederholt sich die kubistische Struktur in der Konfiguration von Häusern und Himmel, die dem Gemälde eine harmonische Einheit, aber auch eine kontinuierliche, unaufhörliche dynamische Bewegung verleiht.

Der Spaziergang Marc Chagall, Der Spaziergang, 1917/18
Öl auf Leinwand, 175,2 x 168,4 cm
Staatliches russisches Museum, St. Petersburg

Das Ungegenständliche: Chagall und der Suprematismus

Chagall war der «realen» Welt so stark verbunden, dass die von Malewitsch, seinem Lehrerkollegen für künstlerische Avantgarde an der Witebsker Kunstschule propagierte Abstraktion für ihn nicht in Frage kam. Allerdings enthalten Chagalls Bilder aus den späten 1910er Jahren Verweise auf die geometrische Abstraktion – die möglicherweise spöttisch gemeint sind. So etwa in Chagalls leicht skurrilem «Das Profil im Fenster» (1918), das die Segmentierung und die dynamische diagonale Linienführung in den Dienst der Porträttradition stellt. Chagalls Idee einer Schule, die alle künstlerischen Richtungen fördert, kollidierte mit Malewitschs dogmatischer Fixierung auf die Abstraktion. Mit der Zeit eroberten Malewitsch und seine Anhänger die Schule im Namen des Suprematismus und seiner militanten Moderne.

Das Profil im Fenster Marc Chagall, Das Profil im Fenster, 1918
Grafit, Gouache und Tinte auf Papier, 22 x 16,8 cm
Centre Pompidou, Paris – Musée national d'art moderne / Centre de création industrielle, dation en 1988

Theater der Träume: Chagall und die Bühne

Im Laufe seines Lebens hat Chagall mehrfach fürs Theater gearbeitet, in seiner Zeit in Russland entwarf er regelmässig Bühnenbilder und Kostüme. Dazu gehört auch, in leuchtendem Gelb, «Hommage an Gogol», 1917, Teil einer Bühnendekoration mit mehreren Bühnenvorhängen, die sich Chagall für ein Festival zu Ehren des Dramatikers Nikolai Gogol ausgedacht hatte. In der Figur Gogols kommt dessen schwarzer, kauziger Humor zum Ausdruck. Vergleichbare Figuren gibt es bereits in früheren Arbeiten auf Papier, etwa in «Der Reisende», 1914. Seit seiner Übersiedelung nach Moskau vom Sowjetregime zunehmend ernüchtert, verliess Chagall Russland 1922. Zuvor malte er jedoch ein weiteres Meisterwerk: Die Wandbilder für den Zuschauerraum des Staatlichen Jüdischen Kammertheaters in Moskau, das den Spitznamen «Chagalls Schachtel» bekam. Mit ihren verträumten, blassen Farben fungieren diese Wandbilder als Manifest einer Ästhetik, bei der breite, aus dem Suprematismus abgeleitete, abstrakte Farbbahnen den Hintergrund bilden für figurative Szenen mit Akrobaten, Schauspielern, Tieren und so fort. Die Fülle der Handlungen in den Monumentalgemälden präsentieren Chagalls Panoramavision eines jiddischen Theaters, das letztlich ein Theater des Lebens ist.

Theater
Marc Chagall, Einführung in das Jüdische Theater, 1920
Tempera, Gouache und opakes Weiss auf Leinwand, 284 x 787 cm
Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Poetische und prophetische Visionen: Ausblicke auf das Spätwerk

In den 1950er Jahren soll Picasso gesagt haben «wenn Matisse stirbt, wird Chagall der einzige Maler sein, der noch weiss, was Farbe ist.» Die Ausstellung präsentiert in einem wichtigen, letzten Abschnitt diverse Werke aus späteren Schaffensperioden; sie stellen das volle, leuchtende Kolorit vor, das zu einem Charakteristikum von Chagalls Œuvre wurde, und zeigen, dass die frühen poetischen und prophetischen Themen, die so eng mit der Kunst der frühen Moderne verflochten waren, in Chagalls langjähriger künstlerischer Tätigkeit immer wieder auftauchen.

Die roten Dächer Marc Chagall, Die roten Dächer, 1953
Öl auf Papier, auf Leinwand aufgezogen, 229 x 210 cm
Centre Pompidou, Paris – Musée national d'art moderne / Centre de création industrielle, dation en 1988