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Typisch Kunsthaus
Liebe Mitglieder der Zürcher Kunstgesellschaft,
bald ist es soweit: die Picasso-Ausstellung wird eröffnet oder anders: wiedereröffnet! Zum Geburtstag des Kunsthauses, das vor einhundert Jahren am Heimplatz seine Tore öffnete, machen wir Ihnen ein besonderes Geschenk. Noch einmal ist eine stolze Reihe von Bildern von Pablo Picasso zu sehen, die 1932 zuerst in Zürich ausgestellt waren – es war die sensationelle und weltweit erste Museumsausstellung des Künstlers im damals noch ziemlich jungen Kunsthaus.
Und dabei hatte es anders begonnen: Wilhelm Wartmann, der erste Direktor des Kunsthauses, hatte zunächst das Dreigestirn der Moderne im Blick gehabt, Braque, Léger und Picasso, und war damit der Anregung des Kunstsammlers Emil Friedrich-Jezler gefolgt. Der in Paris ansässige Maler Carl Montag sollte als Vermittler zwischen Paris und Zürich wirken, wie er es bereits bei der Bonnard-Vuillard-Ausstellung 1932 getan hatte. Im Katalog können Sie im Detail nachlesen, wie Wartmann und das Kunsthaus im Sommer 1932 die Konkurrenten Museum of Modern Art in New York und Kunsthalle Basel ausbooteten, indem man beschloss, die von Picasso selbst und seinen Händlern Rosenberg und Wildenstein in der Pariser Galeries Georges Petit gezeigte Retrospektive in erweiterter Form für Zürich zu übernehmen. Vier Wochen waren anberaumt, schliesslich wurden es sechs, und dass 34’000 Besucher kamen, hört sich heute nach vergleichsweise wenig an, aber damals, so fand nicht nur Direktor Wilhelm Wartmann, war es eine Sensation.
Blickt man zurück auf das, was sich seither im Haus am Pfauen mit schöner Regelmässigkeit ereignet hat, so könnte man meinen, typisch Kunsthaus – die Mischung aus Umsicht und Mut, Bodenständigkeit und Weltläufigkeit, Diskretion, Abwarten und raschem Handeln, ein ausgeprägtes Interesse für die Kunst der Gegenwart. Und nicht zuletzt eine Öffentlichkeit, die unsere Arbeit seit jeher aufgeschlossen und kritisch begleitet. Was kann man sich Besseres für ein Museum wünschen? Das Kunsthaus Zürich kann deshalb an seinem 100. Geburtstag zusammen mit Ihnen zuversichtlich nach vorne schauen, auf die nächsten hundert Jahre und, näherliegend, auf die vielfältigen Angebote, die wir Ihnen diesen Herbst und im nächsten Jahr machen können: eine Ausstellung über die Riesenkräuter und Monsterbäume eines gewissen Carl Wilhelm Kolbe oder über den zu recht hochgelobten Architekten des Kunsthauses Karl Moser, der in Zürich viele weithin sichtbare Bauten geschaffen hat. Und, ach ja, die Tiere kommen, aber das dauert noch ein bisschen… Mehr als ein Grund, das Kunsthaus zu besuchen: Jetzt wie vor hundert Jahren drehen wir einfach den Schlüssel um und heissen alle willkommen!
Ihr Christoph Becker
