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Kunsthaus Zürich

Abschlussbericht April 2013 – September 2014

Strukturierung der kunsttechnologischen Fakten, das Erstellen eines Massnahmen-Leitfadens und die Umsetzung dieser konservatorischen und restauratorischen Schritte

Die letzten eineinhalb Jahre des Projektes waren arbeitsintensiv und ausserordentlich interessant. So tagte unser Team und zusätzliche Fachpersonen im frühen Sommer 2013 ein weiteres Mal. Anders als beim grossen internationalen Kolloquium 2013, an dem auch Kunsthistoriker beteiligt waren, um über das ästhetische Restaurierungskonzept zu diskutieren, wurde diesmal ausschliesslich über rein konservatorische Massnahmen gesprochen. Gemeint sind damit die Eingriffe und verwendeten Materialien, die den Substanzerhalt eines Objektes und die Schadensvorbeugung zum Ziel haben.

Um mit dem zweiten Teil des Projekts, den Konservierungs- und Restaurierungsmassnahmen beginnen zu können, fehlten noch immer kunsttechnologische und kunsthistorische Antworten. Dies führte dazu, dass sich unser Team zusammen mit Dr. Philippe Büttner, ein zweites Mal nach Paris aufmachte, um dort mit den Kollegen der Fondation Alberto et Annette Giacometti (FAAG) noch Unbeantwortetes zu klären. In intensiven Diskussionsrunden konnten anhand der vielen Archivmaterialien und Skulpturen aus dem Besitz der FAAG und mit Hilfe der langjährigen Direktorin Véronique Wiesinger und einer Restauratorin wichtige Antworten erarbeitet werden. Nicht nur erhielten wir Einblick in die Restaurierungsweise der FAAG, auch der Vergleich mit den dortigen Giacometti-Skulpturen verschaffte uns ein noch besseres Verständnis unserer eigenen Giacometti-Sammlung. Ebenso konnten punktuell wichtige Informationen aus den Dokumentationen der FAAG einbezogen werden.
Mit Abschluss der Reise endete leider auch die Zusammenarbeit mit unserem Teammitglied Patrick Decker, da der geltende Gesamtarbeitsvertrag nur eine maximale Dauer von 3 Jahren Projektanstellung zulässt. Er war uns eine wichtige Stütze im Projekt und hat dieses mit seinem leidenschaftlichen Engagement und seinem spezifischen Wissen auf dem Gebiet der Bronzen und Gusstechniken nachhaltig geprägt.
Für das letzte Projektjahr stiess nun Kathrin Harsch zu uns.

Durch die Kategorisierung der aufgrund ihrer Verwendung sehr unterschiedlich aussehenden Gipse, welche im grossen Kolloquium 2012 festgelegt wurde (A: optisch nicht signifikant verändertes, B: optisch verändertes und C: optisch & strukturell stark verändertes Werk) und die Implikationen die daraus resultieren, hatten wir schon früh eine konzeptionelle Handhabe, den Zustand jedes einzelnen Gipses und die damit verbundenen Konsequenzen für die Restaurierung zu definieren. Die Methoden und das technisch Mögliche mussten jedoch erst noch in ausführlichen praktischen Tests eruiert werden. Dazu starteten wir umfangreiche Versuche zur Klebung, Festigung, Kittung und Retusche von Gips.
Es wurden dabei Materialien verwendet, die alterungsbeständig und ungiftig sind, nicht vergilben und nicht spröde werden. Sie mussten natürlich je nach Art der Massnahme weiteren Ansprüchen genügen, z.B. bei der Retusche reversibel, deckend oder nicht glänzend sein.

Zudem gibt es einige wenige Objekte, die grössere Fehlstellen aufweisen. Dort begannen wir in Zusammenarbeit mit der EMPA (Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) Versuche mit einem 3-D Scanner. Mit Hilfe des intakten Bronzeabgusses (vom Gipsobjekt) der als Scanvorlage dient, sollen Daten generiert werden. Anhand dieser Daten kann dann ein 3-D Print erstellt werden. Damit soll es möglich werden, solche Oberflächen wieder originalgetreu zu schliessen. Dafür ist jedoch eine absolut präzise Abtastung der Oberfläche beider Objekte mittels Laser nötig. Die Daten müssen so aufbereitet werden, dass sie kompatibel werden und eine genaue Füllung der Fehlstelle ermöglichen. Wieviel Rechenleistung und mathematische Algorithmen hier von Nöten sind, war am Anfang nicht absehbar. Somit konnte Dank des Giacometti Projekts ein entscheidender Impuls gegeben werden, sich in dieses völlig neue Gebiet vorzuwagen. Allerdings wird es wohl doch ein gesondertes Projekt benötigen, diese Methode bis zur endgültigen Anwendungsreife zu perfektionieren.

Nach der Beendigung der 3-D Scan- und Materialtests begannen wir etwas verspätet mit der praktischen Restaurierung. Die kunsttechnologische Forschung, Recherchen und Testreihen hatten mehr Zeit in Anspruch genommen als erwartet. Auch die Vorbereitungen der vielbeachteten Ausstellung zu den technologischen Ergebnissen im Jahr 2012 sowie das internationale Kolloquium waren sehr viel umfangreicher und anspruchsvoller als ursprünglich geplant.
Alle Objekte wurden oberflächlich gereinigt und konserviert wo nötig, d.h. gefestigt oder geklebt. Kleinere Ausbrüche wurden gekittet und retuschiert. So ist die einzelne Skulptur wieder als Einheit zu erfahren. Nicht umgesetzt wurden gravierende invasive Eingriffe mit dem Ziel, einen vermeintlich originalen Zustand wiederherzustellen. Das heisst z.B. die Abnahme von gelben Schellackschichten, die ja ein untrügliches Zeichen des Verwendungszwecks des Gipses als Gussvorlage sind. Von Seiten der Restaurierungsabteilung sind wir der Überzeugung, dass der gewachsene Zustand und die Sichtbarkeit – in diesem Falle der Funktion als Gussvorlage – ein wichtiger Teil der Werkgeschichte ist, den es zu respektieren gilt.

Zu erwähnen bleibt ausserdem die Zusammenarbeit mit Roy Oppenheim. Er hat uns in den letzten vier Jahren regelmässig besucht und den Fortschritt im Projekt filmisch aufgezeichnet. Nach Abschluss seiner Arbeit wird ein Filmdokument vorliegen, das den langen Weg des Projektes und seine vielen Etappen zeigt.

We’ve come a long way! Als wir 2010 begannen Giacometti und seine Gipse, die Gusstechniken und Erhaltungszustände zu studieren, fühlten wir uns noch etwas verloren bei der Interpretation der schier unendlichen Spuren und Oberflächenphänomene. Mit der Hilfe von vielen Kollegen, die uns unterstützt haben und durch die intensive Auseinandersetzung mit Giacomettis Gipsskulpturen, wurden wir langsam immer sicherer in der Beurteilung von Techniken und Schäden. Heute sind wir stolz, dass wir als Restauratoren des Kunsthaus Zürich in technologischer Hinsicht als eine der wenigen Giacometti-Experten wahrgenommen werden und dass es uns gelungen ist, die Objekte mit einem einheitlichen, überzeugenden Restaurierungskonzept zu behandeln.
Wir freuen uns darauf, dass wir im Frühjahr 2015 im Rahmen einer Sammlungspräsentation des Bestandes von Kunsthaus und Stiftung, eine Auswahl der frisch restaurierten Werke im Kunsthaus zeigen und das erfolgreiche Projekt noch einmal abschliessend präsentieren können.
Dass wir uns überhaupt so lange diesen Themen widmen durften verdanken wir unseren grosszügigen Sponsoren.
Herzlichen Dank sagt das gesamte Giacometti-Gipsprojektteam!

Fachgruppentreffen zum Thema Konservierungsfragen
Fachgruppentreffen zum Thema Konservierungsfragen
Rolf Fritschi erläutert eine mögliche Verklebungsstrategie
Rolf Fritschi erläutert eine mögliche Verklebungsstrategie
Patrick Decker im Gespräch mit Hubert Lacroix der Fonderie Susse
Patrick Decker im Gespräch mit Hubert Lacroix der Fonderie Susse
Kathrin Harsch
Kathrin Harsch
Retuscheversuche an einer Gipsplatte
Retuscheversuche an einer Gipsplatte
Kerstin Mürer beim Bearbeiten einer Kittung
Kerstin Mürer beim Bearbeiten einer Kittung
Tobias Haupt retuschiert
Tobias Haupt retuschiert
Roy Oppenheim (arttv)
Roy Oppenheim (arttv)