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Kunsthaus Zürich

Augusto Giacometti
«Das Kreisen der Planeten» (1907)

Augusto Giacometti (1877–1947) beschäftigte sich Zeit seines Lebens intensiv mit dem Thema Farbe und pendelte dabei stets zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Sowohl in stilistischer Hinsicht wie auch in der maltechnischen Umsetzung seiner eigenwilligen Bildideen kann er als Freigeist bezeichnet werden. So sind denn auch die Gründe für das Restaurierungsprojekt am Werk «Das Kreisen der Planeten» in erster Linie in seiner experimentellen Maltechnik zu suchen.

Gemäldekonservierung
Das 1907 entstandene Werk «Das Kreisen der Planeten» gelangte 1967 über die Sammlung Erwin Poeschel aus dem Nachlass des Künstlers ins Kunsthaus Zürich. Bereits sehr früh zeigte das Gemälde konservatorische Probleme, die in erster Linie auf Giacomettis experimentelle Maltechnik zurückzuführen sind. Ein Blick in die vorliegende Restaurierungsakte zeigt, dass das Gemälde seit dem Eingang ins Kunsthaus aufgrund von Haftungsproblemen der Malschicht wiederholt konservatorisch behandelt wurde. Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass bereits der Künstler selbst gegen Malschichtablösungen ankämpfte: Offenbar überarbeitete er einige Partien noch während sich das Werk in seinem Atelier befand.

Die beschriebenen Eingriffe haben in der Vergangenheit leider nie zum gewünschten Ergebnis geführt. Dank des aktuellen Konservierungsprojekts konnten die Ursachen des ausgeprägten Schadensbildes nun analysiert, das Gemälde durch konservatorische Massnahmen wie Malschichtfestigung stabilisiert und so weiterer Substanzverlust vermieden werden. Seit Mitte Juli 2018 kann das Gemälde nun wieder in der Sammlung präsentiert werden und ist fortan auch wieder leihfähig.

Maltechnische Beobachtungen
Charakteristisch für Giacomettis Malerei ist ein sehr differenzierter und experimenteller Umgang mit Materialien und Auftragstechniken: Fein gestrichelte Partien stehen neben pastosen, grob gespachtelten oder mit Borstenpinseln aufgetragenen breiten Pinselstrichen und Farbtupfern. Lasierend aufgetragene Farben lassen in einigen Bereichen die darunter liegende Grundierung oder Untermalungsschichten durchscheinen. In anderen Partien prägen Laufspuren extrem verdünnter Farben ganz wesentlich die Erscheinung der Darstellung.
Heterogen ist auch die Zusammensetzung der Malfarben: Öl als Bindemittel findet sich bei dünn applizierten oder glänzenden Farbflächen. Eher matte und pastose Bereiche führte der Künstler aber in magerer Temperatechnik aus. Dies bestätigen Analysen blauer Farbschichten, in denen neben einem geringen Ölanteil ein grosser Proteinanteil nachgewiesen werden konnte. Das Ergebnis der Bindemittelanalyse einer darunter liegenden Grundierungsprobe erklärt wohl auch die schlechte Haftung auf selbiger: ein enorm hoher Anteil an degradiertem, stark verseiften Öl verhindert eine gute Verbindung der übereinander liegenden Schichten – die ölmaltechnische Grundregel «fett auf mager» ist hier in keiner Weise erfüllt.

Schäden
Die Malschicht ist craqueliert, zeigt Lockerungen und Schichtentrennungen. Oftmals ist sie spannungsreich und stark aufstehend, zum Teil lösen sich pastose Farbgrate oder ganze Farbtupfer von den unteren Schichten ab. In spezifischen Bereichen sind bereits unzählige kleine Farbschollen verloren gegangen. Besonders ausgeprägt sind die Schäden in den blauen Farbbereichen, in denen ebenfalls Spuren früherer restauratorischer Eingriffe deutlich sichtbar sind und zu einem fleckigen Erscheinungsbild geführt haben. Schwach gebundene, degradierte Malschichten sind punktuell durch verschiedene, sättigende Festigungslösungen verdunkelt. Bereiche, die zur Stabilisierung mit Wachs behandelt worden waren wirken aufgrund dessen grosszügigen Auftrags und seiner Eigenfarbe, aber auch durch die daraus resultierende Veränderung der Farbsättigung und des Oberflächenglanzes, störend.

Entwicklung einer neuen Applikationsart mit Hilfe verschiedener Experten
Der Fokus bei der Bearbeitung des Werkes lag auf den erhaltenden und präventiven Massnahmen.
Vorversuche zur Konsolidierung haben gezeigt, dass die aufstehenden Malschichten extrem spröde sind und sich zur Niederlegung und stabilen Verklebung mit dem Untergrund kaum flexibilisieren lassen. Aufgrund der durch Maltechnik und Schadensphänomen resultierenden Schwierigkeiten wurde unter Einbindung weiterer Fachleute nach Lösungen gesucht. In Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste Bern (HKB), Studiengang Konservierung und Restaurierung und der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA), Dübendorf entwickelten die Restauratoren Anita Hoess und Matthias Läuchli ein Konsolidierungssystem, das sowohl die Applikationsart wie auch die verwendeten Materialien umfasste.

So erforderte die heterogene Maltechnik schliesslich vier verschiedene Applikationstechniken. Als Konsolidierungsmedium wurde jeweils Methylcellulose in unterschiedlicher Form und Modifikation verwendet.

Mit Hilfe eines Mikrodosiergerätes und hauchdünner Kanülen konnten der Hohlraum hinter den stark aufstehenden, steifen Malschichtschollen hinterfüllt werden. Eine wässrige Methylcelluloselösung wurde hierfür mit Füllstoffen angereichert. Diese feinsten Kügelchen aus regenerierter Cellulose mit 10 Mikrometer Teilchendurchmesser sind leicht, sehr klein, dimensions- und alterungsstabil und hydrophil. Sie kommen aus der Kosmetikindutrie und sind in der Restaurierung bislang unbekannt. Die neue Anwendungsart der Cellulosebeads wurde im Frühjahr 2018 in Amsterdam auf einem Symposium vorgestellt und kann hier detaillierter studiert werden. Eine flächige Bearbeitung war bei weniger aufstehenden Malschichten sowie in Bereichen schwach gebundener, pudernder Schichten möglich. Hier kamen entweder eine flächige Pinselapplikation oder die Applikation des Konsolidierungsmediums – ebenfalls eine wässrige Methylcelluloselösung - mittels Ultraschallverneblung zur Anwendung. Die Nachreinigung erfolgte jeweils mit destillatgleichem Wasser. Durch die Entfernung der starken Oberflächenverschmutzung hat das Gemälde eine deutliche Steigerung der Leuchtkraft der Farben, sowie der Nuancen im Oberflächenglanz zurück erhalten.

Der Abschluss der Konservierungsmassnahmen erfolgte durch Anbringung eines stabilen Schwingschutzes, durch minimale konservatorische Massnahmen am Zierrahmen und durch sehr zurückhaltende, reversible Retuschen grösserer Fehlstellen innerhalb des Gemäldes.

Unterstützt von:
Ars Rhenia, Stiftung zur überregionalen Förderung von Kunst und Kultur

Abb. 1
Augusto Giacometti, «Das Kreisen der Planeten», 1907
Abb. 1
Augusto Giacometti, «Das Kreisen der Planeten», 1907
Abb. 2
Verwendung extrem verdünnter Farben mit Bildung charakteristischer Strukturen und Farbläufer, untere Figur
Abb. 2
Verwendung extrem verdünnter Farben mit Bildung charakteristischer Strukturen und Farbläufer, untere Figur
Abb. 3
Haftungsprobleme und Verluste der Malschicht in Bereichen pastoser Farbtupfer im Hintergrund (Breite der Abbildung 5,5 cm)
Abb. 3
Haftungsprobleme und Verluste der Malschicht in Bereichen pastoser Farbtupfer im Hintergrund (Breite der Abbildung 5,5 cm)
Abb. 4
Magere Tempera auf dünner Untermalung: Haftungsprobleme, Malschichtverluste und Verfärbungen durch früher eingebrachte Konsolidierungsmedien, rechte Figur
Abb. 4
Magere Tempera auf dünner Untermalung: Haftungsprobleme, Malschichtverluste und Verfärbungen durch früher eingebrachte Konsolidierungsmedien, rechte Figur
Abb. 5
Makroaufnahme stark gelockerter und aufstehender Malschichten im Streiflicht, rechte Figur (Breite der Abbildung 3,5 cm)
Abb. 5
Makroaufnahme stark gelockerter und aufstehender Malschichten im Streiflicht, rechte Figur (Breite der Abbildung 3,5 cm)
Abb. 6
Aufstehende Malschichtscholle vor (oben), während (Mitte) und nach (unten) der Applikation des Hinterfüllmaterials mittels Mikrodosiergerät (Fa. H. Sigrist & Partner AG)
Abb. 6
Aufstehende Malschichtscholle vor (oben), während (Mitte) und nach (unten) der Applikation des Hinterfüllmaterials mittels Mikrodosiergerät (Fa. H. Sigrist & Partner AG)
Abb. 7
Rasterelektronenmikroskopaufnahme (REM) des Füllstoffes Cellulosebeads-10 (Daito Kasei Europe)
Abb. 7
Rasterelektronenmikroskopaufnahme (REM) des Füllstoffes Cellulosebeads-10 (Daito Kasei Europe)
Abb.8: Detailaufnahme während der Oberflächenreinigung (mittiges Feld noch ungereinigt)
Abb.8: Detailaufnahme während der Oberflächenreinigung (mittiges Feld noch ungereinigt)