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Kunsthaus Zürich

Fortschrittsbericht
Oktober 2010 – April 2011

Beginn der Untersuchungsphase

Anfang Januar 2011 begann dann die „praktische Kontrollphase“, in der die zuvor erarbeitete Methodik an acht Gipsskulpturen überprüft wurde. Dabei konnte der Workflow justiert und der Katalog der Arbeitsschritte erweitert werden.

Expertengespräche mit Gipsspezialist Rolf Fritschi sowie dem Giesser Herr Zollinger (Bischofszell, SG) halfen bei der Beantwortung noch offener Fragen oder in Fällen wo sich widersprechende Indizien zu Unsicherheiten in der Interpretation geführt hatten. Zukünftig sollen ergänzend Materialienanalysen Vermutungen stützen.

Das Cintiq Interactive Pen Display von Wacom zur Kartierung von Beschädigungen und kunsttechnologischen Auffälligkeiten wird neuerdings verwendet, um die Darstellung und Fixierung bestimmter Phänomene zu vereinfachen und zu vereinheitlichen, aber auch um Schäden von kunsttechnologischen Spuren zu unterscheiden und damit für restauratorische Maßnahmen zu kennzeichnen.

Ein besonderes Highlight am Ende des ersten halben Jahres, stellte die Untersuchung der Gipsskulptur Homme Chiavenna I (1964) zur Visualisierung des Innenlebens des Gipsobjekts mit 3-D Röntgen CT an der Empa in Dübendorf dar. Dabei wurde die Skulptur berührungsfrei in einer Transportkiste gescannt. Für den Oberflächenvergleich zweier „identischer“ Objekte ist diese Methode zwar zu teuer, aber sie brachte Erstaunliches über das Innenleben zu Tage. So nämlich, dass sich eine Metallarmierung im Gips befindet und die Nase wohl beim Entformen abbrach. Zudem scheint sie den Verdacht zu bestätigen, dass die Skulptur nach ihrer Entstehung vom Künstler überarbeitet wurde. Auch Aussagen zu möglichen Schwachstellen und Problemzonen beim Handling können nun getroffen werden. Wie die Abbildung zeigt befindet sich im Inneren ein metallisches Stützgerüst (blau). Der Verlauf des Stützgerüstes im Inneren ermöglicht Aussagen zu Schwachstellen. Für die Skulptur Chiavenna I bedeutet dies: Die Nähe der Drähte zur Oberfläche zeigt, dass diese wenig in der Gipsmasse „eingebettet“ sind und somit ihrer stabilisierenden Funktion in diesen Bereichen nicht gerecht werden. Auch der angesprochene Bereich der Nase verbirgt eine ältere Reparatur, der beim Handling besondere Beachtung geschenkt werden sollte (s. Abb. 9).

Die Abbildungen 9 und 10 zeigen grünlich und bläulich eingefärbte Luftblasen in der Gipsmasse. Diese liefern zusätzliche Informationen zur ihrer (In)Homogenität was bei der zukünftigen konservatorischen Beurteilung hilfreich sein kann.

Darüber hinaus lassen sich die gewonnenen Daten auch für präventive Massnahmen wie z.B. das Anfertigen einer adäquaten Transportverpackung verwenden.

Filmisch begleitet wurde das Team bei seiner Arbeit, den Expertentreffen und dem Besuch in der Empa Dübendorf von Roy Oppenheim, der das mehrjährige Projekt mit einem ca. 50-minütigen audiovisuellen Film dokumentieren wird.

Ausblick

Die Erarbeitung der Untersuchungsmethodik und Dokumentationsform konnte weitestgehend abgeschlossen werden. Acht Objekte sind nun systematisch untersucht und katalogisiert worden.

In den kommenden 11/2 Jahren sollen die noch verbliebenen 70 Objekte sukzessive untersucht werden. Die begleitende Sichtung der noch vorhandenen schriftlichen Dokumente soll weitere aufschlussreiche Informationen zur Geschichte und Herstellung der Gipse liefern. Zusätzlich wäre es in einzelnen Fällen sinnvoll, noch Quervergleiche zu Bronzen anzustellen und Materialanalysen durchzuführen.

Abb. 6: Vorderansicht des Tonmodells für die Versuchsreihe © 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 6: Vorderansicht des Tonmodells für die Versuchsreihe
© 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 7: Detail eines Versuchsobjekts bei der Entformung Gips vom Gips am Kopf © 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 7: Detail eines Versuchsobjekts bei der Entformung Gips vom Gips am Kopf
© 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 8 zeigt (von links nach rechts): Gipsguss nach Tonmodell, 1. Und 2. Abguss aus einer Gelatineform ©2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 8 zeigt (von links nach rechts): Gipsguss nach Tonmodell, 1. Und 2. Abguss aus einer Gelatineform
©2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 9: Rückseitenansicht und Verlauf der Stützkonstruktion (blau) und die Luftblasenverteilung (grün, braun) in der Gipsmasse farblich gekennzeichnet (GS 334 © EMPA )
Abb. 9: Rückseitenansicht und Verlauf der Stützkonstruktion (blau) und die Luftblasenverteilung (grün, braun) in der Gipsmasse farblich gekennzeichnet
(GS 334 © EMPA )
Abb. 10: Linke Seitenansicht und Verlauf der Stützkonstruktion (blau) und die Luftblasenverteilung (grün, braun) in der Gipsmasse farblich gekennzeichnet (GS 334 © EMPA)
Abb. 10: Linke Seitenansicht und Verlauf der Stützkonstruktion (blau) und die Luftblasenverteilung (grün, braun) in der Gipsmasse farblich gekennzeichnet
(GS 334 © EMPA)