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Kunsthaus Zürich

Fortschrittsbericht
Oktober 2010 – April 2011

Definition der Forschungsschwerpunkte und Systematisierung des Arbeitsablaufes

Nach der ersten genaueren Beschäftigung mit den Gipsskulpturen zeigte sich, dass der wesentliche Erfolg dieser Forschungsarbeit von einer klaren Fragestellung und einer soliden Strukturierung der gewonnenen Informationen abhängen wird. Der Schwerpunkt der ersten drei Monate war demnach die Systematisierung der Arbeits- und Vorgehensweise sowie das Definieren von Standards für die fotografische und schriftliche Erfassung.

Die klarer formulierten Forschungsschwerpunkte beziehen sich zum einen auf die Herkunft der Gipsskulpturen, zum anderen auf ihre Herstellung und ihre Funktion. Es geht also um das Ursprungsmodell, d.h. die Vorlage der einzelnen Gipse, um die Art und Weise ihrer Produktion und Bearbeitung und ihren Verwendungszweck, nämlich ob sie später ebenfalls zu einer Vorlage für weitere Abgüsse wurden oder nicht.

Die gefundenen Informationen werden somit wann immer möglich in einen grösseren Zusammenhang gestellt. Ein steckengebliebenes Gipsstückchen in den Vertiefungen einer Skulptur bedeutet z.B., dass sie mit einer Gipsnegativform hergestellt wurde (siehe Abbildung 1). Dieses Detail ist wichtig, denn es beweist, dass die Skulptur der direkte Abguss vom Ton-Ursprungsmodell ist. Oder man findet Reste von Gelatine, die Überbleibsel späterer Abformungen sind (siehe Abb. 2). Schnitte oder Ritzungen auf der Oberfläche sind nicht automatisch ein Indiz für Verletzungen sondern können wesentliche Hinweise zu Art und Weise einer späteren Abformung liefern (siehe Abb. 3).

Ein „Hilfmittel“ bei der täglichen Arbeit sind die Vergleichsprotokolle in Form von Postern. Damit können die wichtigsten Informationen eines Objektes einfach mit denen der anderen Objekte verglichen werden (Link Beispielsposter).

Die fotografische Erfassung der UV-Fluoreszenzen wurde fest in den Ablauf integriert. Diese Methode ist kein qualitatives Verfahren und ihre Aussagen sind nicht absolut sondern müssen stets mit weiteren Untersuchungen untermauert werden. Sie hilft jedoch, bestimmte Oberflächenphänomene wie Überzüge (z.B. Trennmittel bei der Abformung und Mittel zur Härtung der Gipsmasse), Gelatine und steckengebliebenen Gips besser zu differenzieren (siehe Abbildung 4 / 5). So konnte in einigen Fällen gezeigt werden, dass mehr als eine Behandlung erfolgte, oder dass aufgrund einer auffälligen Farbigkeit eine vermutete Materialverwendung hinterfragt werden muss. Hellorange fluoresziert z.B. Schellack, ein Trennmittel das vor einer Abformung aufgetragen wird. Proteinleim wirkt dagegen eher kühl blau-grünlich.

Begleitend zur Indiziensammlung wurde mit der Versuchsreihe „Abformtechniken: Vom Ton zum Gips. Vom Gips zum Gips“ Ende 2010 gussspezifische Oberflächenphänomene wie sie bei den Gipsskulpturen Alberto Giacomettis anzutreffen sind, simuliert. Ein Tonmodell wurde mit bewusst eingebrachten Arbeitsspuren von Werkzeugen und Fingerabdrücken à la Alberto Giacometti versehen (s. Abb. 6). Dieses Modell wurde dann zweiteilig mit Gips abgeformt, das Tonmodell entfernt und nach einer mehrfachen Isolierung mit Schellack und Vaseline konnte die Negativform erneut mit Gips aufgegossen werden. Die nun folgenden, beinahe unvermeidbaren Verletzungen der Oberfläche, wie sie beim Entformen Gips vom Gips (s. Abb. 7) entstehen, konnten direkt mit Verletzungen an den Originalgipsen verglichen werden.

Das entformte Gipspositiv wurde nochmals wie beschrieben isoliert und mit einer zweiteiligen Gelatineform abgeformt (s. Abb. 8). Es zeigte sich, dass jede einzelne der vielen verschiedenen Bearbeitungs- und Abformungsstationen, Spuren auf der Oberfläche der Gipse hinterlässt. Sind diese Spuren also klar zu identifizieren, können relativ eindeutige Aussagen über Herkunft, Herstellungsprozess oder späterer Verwendung eines Giacometti-Gipses gemacht werden. Manche Fragen bleiben derzeit noch offen.

Abb. 1: Detail eines steckengebliebenen Gipsstücks. © 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 1: Detail eines steckengebliebenen Gipsstücks.
© 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 2:  Detail eines steckengebliebenen Gelatinestücks. ©2011  Kunsthaus Zürich
Abb. 2: Detail eines steckengebliebenen Gelatinestücks.
©2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 3: Schnitte vom Aufschneiden der Gelatineform. © 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 3: Schnitte vom Aufschneiden der Gelatineform.
© 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 4: Vergleich der Farbigkeit von drei Gipsen GS 334, GS 322, GS 309 © Alberto Giacometti Estate / ProLitteris, Zürich
Abb. 4: Vergleich der Farbigkeit von drei Gipsen
GS 334, GS 322, GS 309 © Alberto Giacometti Estate / ProLitteris, Zürich
Abb. 5: Vergleich der UV-Fluoreszenzen von drei Gipsen GS 334, GS 322, GS 309 © Alberto Giacometti Estate / ProLitteris, Zürich
Abb. 5: Vergleich der UV-Fluoreszenzen von drei Gipsen
GS 334, GS 322, GS 309 © Alberto Giacometti Estate / ProLitteris, Zürich