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Kunsthaus Zürich

Egon Schiele

Gemälderestaurierung
Schieles Gemälde «Die tote Stadt» von 1912 war, noch bevor es 1964 in die Sammlung des Kunsthauses kam, einer umfangreichen Restaurierung unterzogen worden. Die Behandlung mit einer Wachs-Harzmasse und einer zusätzlichen Firnisschicht hatte allerdings zur Folge, dass die charakteristische Oberflächenstruktur des Leinwandgemäldes verloren ging. Bei genauer Betrachtung ist eine deutliche Trübung und Nachdunkelung der Farben erkennbar. Dank fachgerechter Restaurierungsmassnahmen soll das Werk nun von den nachträglich hinzugefügten Schichten befreit werden, um es so weit dies möglich ist, seinem Originalzustand anzunähern.

Vorgehen
Vorversuche mit einem Mikroaspirationsgerät ergaben vielversprechende Resultate. Die Methode ermöglicht ein punktuelles und kontrolliertes Absaugen der angelösten Wachsmasse aus den Tiefen der rückseitigen Leinwandstruktur. Zudem sollen alte und optisch auffällige Retuschen sowie Farbfehlstellen strukturell und farblich verbessert werden.
Doch wie konnte es überhaupt zu solch frühen restauratorischen Eingriffen kommen?

Eine Leinwand – zwei Gemälde?
Unter dem Gemälde verbirgt sich ein zweites, das partienweise hindurchschimmert. Egon Schiele verwarf die Darstellung und übermalte sie aus materieller Not heraus. Das Übereinanderliegen der verschiedenen Farbschichten hat aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer frühzeitigen Lockerung der Malschicht mit zahlreichen Farbausbrüchen geführt, womit sich auch die vorausgehende Restaurierung des Werkes erklären lässt.

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu erwarten
Aus wissenschaftlichem Interesse soll neben der Restaurierung des Bildes eine röntgentechnologische Untersuchung vorgenommen werden, die das verworfene Bildmotiv sichtbar macht. Möglicherweise handelt es sich um ein Gemälde, das in Bilderlisten des Künstlers aufgeführt, aber nicht mehr auffindbar ist.

Der erste Schiele in einem Museum
Das Gemälde «Die Tote Stadt VI» (1912) nimmt gleich in mehrfacher Hinsicht eine bedeutende Rolle im Werk des bekannten Expressionisten ein. Zum einen ist es das erste Bild des Künstlers, das in den Besitz eines Museums kam – noch in seinem Entstehungsjahr wurde es vom Folkwang-Museum in Hagen erworben. Und zum anderen wird mit der Darstellung ein Höhepunkt in der Serie der Krumauer Stadtansichten erreicht. Kaum ein anderer Ort inspirierte Schiele so sehr wie Krumau (Český Krumlov), Geburts- und Heimatstadt seiner Mutter, die zum wichtigsten Motiv seiner Landschaftsdarstellungen werden sollte.
Dargestellt ist der Blick vom Schlossberg auf die Gebäude am Ring von hinten; sie werden von der kahlen Rückwand des Apothekerhauses überragt. Schiele hält sich jedoch nicht in allen Bildbereichen an die realistische Vorlage, sondern ergänzt das Motiv frei mit abstrakten Farbfeldern. So assoziiert der blaue Farbstreifen am linken Bildrand den Verlauf der Moldau und der schwarze Hintergrund ersetzt weitere Häuser.

Unterstützt durch die Minerva Kunststiftung

Abb. 1
Egon Schiele, « Tote Stadt VI» («Die kleine Stadt I»), 1912, 80 cm x 80 cm, Kunsthaus Zürich
Abb. 1
Egon Schiele, « Tote Stadt VI» («Die kleine Stadt I»), 1912, 80 cm x 80 cm, Kunsthaus Zürich
Abb. 2
Detailansicht: Die pflanzlichen Strukturen des verworfenen Gemäldes zeichnen sich ab.
Abb. 2
Detailansicht: Die pflanzlichen Strukturen des verworfenen Gemäldes zeichnen sich ab.
Abb. 3
Detailansicht: Beigefarbige Wachsmasse auf der Leinwand (mit roten Pfeilen markiert). Zu sehen ist das obere Ende des Schornsteins des grossen weissen Hauses.
Abb. 3
Detailansicht: Beigefarbige Wachsmasse auf der Leinwand (mit roten Pfeilen markiert). Zu sehen ist das obere Ende des Schornsteins des grossen weissen Hauses.
Abb. 4
Detailansicht der Leinwandrückseite: Durch die dicke Wachsmasse ist die Gewebestruktur nicht mehr ablesbar.
Abb. 4
Detailansicht der Leinwandrückseite: Durch die dicke Wachsmasse ist die Gewebestruktur nicht mehr ablesbar.