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Kunsthaus Zürich

Fortschrittsbericht
April 2011 - April 2012

Neue Einblicke in den Arbeitsablauf und Forschungsschwerpunkte

In den vergangenen 12 Monaten ging es vor allem darum, die Gipse im vorgesehenen Zeitrahmen nach dem zu Beginn des Projektes entwickelten Untersuchungskatalog zu erfassen. Inzwischen liegen reichhaltige Informationen über ca. 40 untersuchte Gipse vor, und es lassen sich bereits viele vergleichbare strukturelle und technische Vorlieben nachvollziehen, die entweder Alberto selbst, seinem Bruder Diego (der vor allem die Abformungen vom Tonmodell herstellte), oder den Giessereien zuzuordnen sind.

Die sehr aufschlussreichen Ergebnisse bei einem ersten 3-D CT-Scan im Frühjahr 2011 liessen weitere Untersuchungen zum Innenleben der Gipse sehr vielversprechend erscheinen. Aufgrund der damit verbundenen hohen Kosten waren zwar keine seriellen Untersuchungen der Gipse mittels 3-D CT möglich, dank innovativer technischer Ideen der EMPA Dübendorf konnten jedoch im Herbst 2011 alle Gipse vor Ort im Kunsthaus mit einer mobilen Anlage geröntgt werden. Der dabei gewonnene Schatz an digitalen Bildern und Informationen ermöglichte es, herstellungstechnische Standards bei den Armierungen, spätere Veränderungen und Reparaturen aufzudecken. Auch aus konservatorischer Sicht sind diese Informationen eine Bereicherung. Sie helfen dabei, die Fragilität der Objekte richtig einzuschätzen sowie Handling und Transport zu optimieren.

Mitte Januar 2012 wurde ein erneutes „Expertentreffen“ einberufen, mit dem Ziel, Fragen in Bezug auf gusstechnische Details zu klären. Als externe Spezialisten konnten Felix Lehner (Leiter der Kunstgiesserei Sitterwerk in St. Gallen) und Rolf Fritschi (Restaurator an der Archäologischen Sammlung, Universität Zürich), hinzugezogen werden. Diskutiert wurde beispielsweise die genaue Funktion der als Positionsmarken interpretierten kegelförmigen Vertiefungen an der Unterseite der Gipse. Solche Vertiefungen wurden in der Giesserei in die Sockelplatte der Gipse eingedreht, um die exakten Positionen von Modell und Formkapsel auch bei erneuten Abformungen mittels Gelatine beibehalten zu können. Die entsprechenden Formkapseln aus Gips blieben in der Regel in der Giesserei verwahrt, haben sich aber leider nicht mehr bis heute erhalten.

Ein weiterer Untersuchungsschwerpunkt des letzten Jahres lag auf gezielten Materialanalysen, die im März 2012 am SIK (Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaften) durchgeführt wurden. Die Analysen lieferten eindeutige Ergebnisse bezüglich der verwendeten Materialien, wie z.B. Formsand, Ton, Gelatine und Schellack, so dass bisherige Vermutungen verifiziert werden konnten.

Da auf den Oberflächen fast aller Gips solche Materialien in Resten auffindbar waren, liess sich durch die Auswertung der vorhanden Untersuchungsergebnisse eine präzise Abfolge von Abformungen feststellen, was zugleich bedeutet, dass die Gipse wiederholt und zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Bronze gegossen wurden. Nicht selten wurden dabei an einem Objekt bis zu drei verschiedene Techniken (Sand, Gelatine, Silikonkautschuk) analysiert. Dies ist bei Giacometti beim Auftreten von Sand- und Gelatineabformungen in der Regel auf einen Wechsel der Giesserei zurückzuführen (1952 von Rudier zu Susse), deutet im Falle von Silikonabformungen aber auch auf sehr späte Abgüsse hin, die nach Albertos Tod, wohl in den 1980er Jahren, durch die Witwe Annette Giacometti in Auftrag gegeben wurden.

Da die nachgewiesenen Abformungsabfolgen immer auch in direktem Zusammenhang mit der Herstellung von Bronzen stehen, wäre als weiterführender Schritt ein Vergleich zwischen Abformungstechnik(-en) an den Gipsen und den Gusstechniken der korrespondierenden Bronzen sinnvoll. In diesem Zusammenhang wird eine Zusammenarbeit mit der Fondation Alberto und Annette Giacometti (FAAG) in Paris angestrebt, die diesbezügliche Unterlagen in ihrem Archiv besitzt.

Ausblick

Im Herbst 2012 wird eine kleine Präsentation im Kunsthaus Zürich die Ergebnisse der ersten zwei Jahre des Giacometti-Gipsprojekts vorstellen. Dadurch soll eine Plattform für den fachlichen Austausch für Giacometti-Interessierte geschaffen werden. Die Ausstellung bildet aber auch die Diskussionsgrundlage für den zweiten, praktischen Teil des Projekts. Dabei gilt es, die Richtlinien für den konservatorischen Umgang mit den fragilen Objekten zu definieren. Es geht um zentrale Fragen, wie z.B.: Wie weit kann eine Oberflächenreinigung gehen, ohne wichtige Spuren zu entfernen? Welche Beschädigungen können oder sollen behandelt werden? Wie wird mit den fragmentierten, d.h. mehrteiligen Objekten umgegangen und wie werden diese präsentiert? Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt von vielen Fragen, die zum Abschluss des ersten Teils des Projektes in einem interdisziplinären Gremium von Kunsthistorikern und Restauratoren diskutiert werden sollen.

Abb. 1: «Buste d’homme Chiavenna I» vor einem mobilen digitalen Röntgen-Panel / Detektor der EMPA Zürich 
© Alberto Giacometti Estate / ProLitteris, Zürich
Abb. 1: «Buste d’homme Chiavenna I» vor einem mobilen digitalen Röntgen-Panel / Detektor der EMPA Zürich
© Alberto Giacometti Estate / ProLitteris, Zürich
Abb. 2: «Tête sans crâne»
In der Röntgenaufnahme sind drei unterschiedliche Metallarmierungen erkennbar
© 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 2: «Tête sans crâne»
In der Röntgenaufnahme sind drei unterschiedliche Metallarmierungen erkennbar
© 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 3: «Buste au grand nez»
Kegelförmige Vertiefungen / Positionsmarken an der Unterseite
© 2011 Kunsthaus Zürich
Abb. 3: «Buste au grand nez»
Kegelförmige Vertiefungen / Positionsmarken an der Unterseite
© 2011 Kunsthaus Zürich