28.10.16 —
15.01.17

Giacometti
Material
und Vision

Die Meisterwerke in
Gips, Stein, Ton und Bronze
28.10.16 — 15.01.17

Alberto Giacometti (1901–1966) ist einer der massgeblichen Künstler der Moderne. In erster Linie als Bildhauer weltberühmt geworden, hat er auch als Maler und Zeichner ein tief beeindruckendes Œuvre von hohem Rang geschaffen. Die exklusiv im Kunsthaus gezeigte Ausstellung erinnert an den 50. Jahrestag seines Todes. Sie widmet sich vor allem dem bildhauerischen Werk und stellt dabei erstmals jene Werke in den Mittelpunkt, die Giacometti selber im Atelier geschaffen und bearbeitet hat: Es handelt sich um meisterhafte, zum Teil kaum je gezeigte Arbeiten aus Plastilin, Ton, Gips, Holz und Stein aus all seinen Schaffensphasen. Im Mittelpunkt stehen 75 kostbare Gipse aus dem Nachlass. Sie kamen 2006 als Geschenk von Albertos Bruder Bruno Giacometti und dessen Frau Odette in die im Kunsthaus beheimatete Alberto Giacometti-Stiftung.

Diese Gipse – von denen viele später als Vorlagen für Bronzegüsse dienten – wurden im Kunsthaus in den letzten Jahren erforscht und bearbeitet. Die meisten von ihnen hat der Künstler intensiv bearbeitet. Diese Spuren sind direkt ablesbar und erlauben es uns, der Arbeit des Künstlers so nahe zu kommen wie vielleicht nie zuvor. Dies gilt auch für die eigenhändig geschaffenen Werke aus den anderen erwähnten Materialien. In der Ausstellung werden all diese Werke – darunter zahlreiche einzigartige Leihgaben aus anderen öffentlichen und privaten Sammlungen – nicht voneinander isoliert gezeigt, sondern in Form von Gruppen in kompakten Raumeinheiten präsentiert. Dies erinnert an ihre Präsenz in Giacomettis Ateliers – vor allem dem kleinen, legendär gewordenen Arbeitsraum in Paris. Hauptleihgeber ist die zweite Giacometti-Stiftung, die 2003 gegründete Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris.

Zusätzlich in die Ausstellung einbezogen ist eine bedeutende Auswahl hervorragender Bronzegüsse Giacomettis. Diese im Auftrag des Künstlers jeweils ausserhalb des Ateliers, in Giessereien gefertigten Bronzegüsse entstanden zumeist erst nach dem Zweiten Weltkrieg und markieren die wachsende Anerkennung Giacomettis in der Kunstwelt. Sie werden im offenen Raum des Bührlesaals den oben genannten, von Giacometti im Atelier geschaffenen Werken und Werkstufen locker zugeordnet. Auf diese Weise wird ein Blick auf das gesamte bildhauerische Schaffen Giacomettis möglich, wie es ihn zuvor noch nie gegeben hat. Einige Gemälde Alberto Giacomettis und solche seines Vaters Giovanni Giacometti ergänzen die Präsentation.

Diese Webseite führt Sie weiter in die Materie ein. Wir freuen uns auf Ihren Besuch in der Ausstellung.

Material und Vision verstehen Werke aus Plastilin und Ton Werke in Stein Werke in Holz Werke aus Gips Zusammenfassung

Werke 1914–1965, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner
Tête de la mère, 1919, Kopf der Mutter, Plastilin, 31 × 15 × 12 cm, Privatsammlung Schweiz
Tête du père, 1927, Kopf des Vaters, Granit, 30 × 21 × 22 cm, Privatsammlung Schweiz
Tête de femme (Rita), 1935, Weiblicher Kopf (Rita), Holz und Bleistift, 17,6 × 7 × 8,6 cm, Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Tête de femme (Flora Mayo), 1926, Weiblicher Kopf (Flora Mayo), Gips, bemalt, 31,2 × 23,2 × 8,4 cm, Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Werke 1959–1966: Die späten Jahre, Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner

Wenn man eine Skulptur als ein Werk definiert, das durch Wegschlagen von hartem Material (etwa Stein) entsteht, eine Plastik aber als eines, das durch Aufbauen von weichem Material (etwa Ton) gestaltet wird, dann ist Alberto Giacometti vor allem als Plastiker bekannt. Denn die Bronzen, die das Bild seiner berühmten reifen Schaffensphase dominieren, sind zwar aus hartem Material, zugrunde liegt ihnen aber meist eine weiche, mit den Händen gestaltete Ton- gelegentlich auch Plastilinform; aus ihr wird – via Gipsstadium – schliesslich die Version in Metall hergestellt. Als Skulpteur, oder Bildhauer im engeren Sinne, der die Form aus dem Marmor oder Stein herausschlägt, ist Giacometti hingegen weniger bekannt. In der Tat gibt es von ihm nur wenige aus Stein gehauene Werke.

Das Bild wird allerdings nuancierter, wenn man die originalen Gipse des Künstlers hinzunimmt: An vielen von ihnen lassen sich Spuren der Bearbeitung nach dem Guss erkennen, als der Gips bereits erhärtet war. Zum Teil geht es dabei um eine gängige Grundbearbeitung von frischen Gipsabgüssen, etwa die Entfernung von Gussnähten oder allgemein eine Glättung der Oberfläche Anders sieht es bei einer weitergehenden, gut sichtbaren Überarbeitung aus, wie man sie bei Giacometti an vielen seiner Gipse, nicht zuletzt an denjenigen der Reifezeit, beobachten kann:

Es handelt sich dabei um Abschabungen, Ritzungen, Einkerbungen, oder noch tiefer in den Gips dringende Eingriffe, die er oft mit einem Taschenmesser vornahm. Sie sind als eigentliche bildhauerische Arbeit am betreffenden Objekt zu verstehen und machen den gegossenen Gips durch diese Weiterbearbeitung zu einem Unikat. Diese Eigenschaft wird noch verstärkt, wenn der Gips in der Folge nicht als Gussvorlage für eine Bronze verwendet wurde.

Die bearbeiteten Gipse unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den Bronzearbeiten, nicht zuletzt durch ihre Verletzlichkeit und ihr charakteristisches Spiel mit Licht und Schatten. In der Bronze gehen vergleichsweise alle diversen Eigenschaften der Vorlage – wann immer diese auch entstehen – in einer neuen Gleichzeitigkeit der finalen Form auf, während am bearbeiteten originalen Gips die Sequenz der jeweiligen Eingriffe ersichtlich ist. In seiner Kombination von Plastik und Skulptur teilt der bearbeitete Gips demnach die Etappen seiner sowohl materiellen als auch konzeptuellen Gestaltung sehr viel unmittelbarer mit, ist sozusagen seine eigene Geschichte, während die Bronze den Moment letzter Hand reproduziert.

Plastilin, das Giovanni Giacometti seinen Kindern im Atelier zugänglich machte, ist ein charakteristischer Werkstoff für Alberto Giacomettis frühes skulpturales Schaffen. Die allererste Arbeit, Kopf Diego (um 1914) zeigt gleich das wohl wichtigste Modell Giacomettis überhaupt, seinen Bruder Diego. Das Köpfchen wird mit seiner glatten Oberfläche und seiner stilsicher reduzierten Modellierung prägnant dem Kubus des Sockels entgegengesetzt. Der Künstler behielt das Werk bis zuletzt bei sich.

Nach dem Ende seiner Jugendzeit hat Giacometti weiterhin Plastilin verwendet, dies vor allem wohl im Bergell, wo Ton nicht leicht zu finden war. So hielt sich der Künstler auch in der schwierigen Zeit des Neubeginns der Arbeit nach der Natur ab 1935 gerne an Plastilin und bis in die 1940er-Jahre.

Insgesamt sind aber die Arbeiten in Ton viel zahlreicher, insbesondere – wie auch durch viele Fotos und sogar Filmsequenzen (etwa von Ernst Scheidegger) belegt – in der Reifezeit. Ton war das klassische Modelliermaterial Giacomettis und entsprach seinem plastischen Arbeitsimpetus auf ideale Weise. In erster Linie verwendete der Künstler Ton in ungebrannter Form, wobei die daraus resultierenden Arbeiten vergänglich waren, weil sie in der Regel zum Herstellen eines Gipses Verwendung fanden. Beim Abnehmen der Gipsform wurde das ungebrannte Tonmodell in der Regel beschädigt und nicht weiter aufbewahrt. Das wohl eindrucksvollste Tonwerk aus der Vorkriegszeit, das im Rahmen dieser Ausstellung untersucht werden konnte, ist der nie abgeformte Tête de Maria Fasciati in Privatbesitz (um 1934, möglicherweise etwas später).

Für den «Plastiker» Alberto Giacometti war Stein (Granit, Marmor) kein Werkstoff allererster Bedeutung. Aus den späten 1910er- und den 1920er-Jahren gibt es einige wenige Köpfe, Figurationen und Reliefs, die der Künstler selber aus Stein gehauen hat.

Nachdem der Künstler im Herbst 1929 seinen Bruder Diego um Mitarbeit gebeten hatte, delegierte er gerade das Ausführen von Werkfassungen aus Stein in der Regel an ihn; dies gilt etwa für Tête qui regarde, dessen Gipsfassung im Januar 1929 erstmals in Paris im Salon des Indépendants ausgestellt wurde und von dem Diego Giacometti in der Folge 1929 und 1930 Fassungen in Marmor herstellte.

Selber zum Meissel gegriffen hat Giacometti nicht sehr häufig. Ein für seine Arbeit insgesamt wichtiges frühes Werk ist das Marmorrelief La mère de lʼartiste, das offenbar auf einer 1908-1910 entstandenen Zeichnung Giovanni Giacomettis beruht.

Im Jahr 1932 arbeiteten Alberto und Diego Giacometti noch zusammen an der erwähnten grossen Stein-Skulptur für die Vicomtes de Noailles. Das vielleicht letzte Werk aus Stein, das Alberto konzipierte, war dann der Grabstein für seinen 1934 verstorbenen Vater auf dem Friedhof von Borgonovo.

Holz war als Werkstoff für Giacometti vor allem 1931/32 wichtig, als der Künstler die Herstellung einer grösseren Gruppe von surrealistischen Objekten aus Holz initiierte, zu denen Fleur en danger und Main prise, beide von 1932 gehören. Doch realisierte der Künstler diese Stücke nicht selbst, sondern gab sie bei einem Kunsttischler in Auftrag.

Demgegenüber sind eigenhändige Arbeiten aus Holz die Ausnahme. In der Ausstellung zu sehen ist eine Holzfassung von Rita bei der Kopf und Sockel, anders als im Fall der Fassungen aus Gips, aus einem Stück sind. Der Künstler hat die Bemalbarkeit des Holzes ausgenutzt, um mit Bleistift Markierungen und Lineamente anzubringen. Sie betonen die plastischen Elemente des Kopfes, können aber auch als zeichnerische Weiterentwicklungen der Holzskulptur gesehen werden.

Main prise, 1932, Gefährdete Hand, Holz und Metall, 20 × 59.5 × 27 cm, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung
Main prise, 1932, Gefährdete Hand, Holz und Metall, 20 × 59.5 × 27 cm, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung

Eine Besonderheit sind die beiden Holzfigürchen Figurine und Petite figurine, beide ebenfalls um 1935 entstanden, in denen wir zum ersten Mal eine in die Länge gezogene Körperform antreffen. Der Künstler hat die beiden Figürchen als Spiegelgriffe und somit als Gebrauchsgegenstände hergestellt.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war Gips der mit Abstand wichtigste Werkstoff in Alberto Giacomettis Schaffen. Dies gilt auch, wenn man die Bronzen einbezieht, deren Anzahl nicht zuletzt aus finanziellen Gründen bis zum Beginn der Reifezeit gering blieb.

Die allermeisten eigenhändigen skulpturalen Kunstwerke Giacomettis bis circa 1947 sind somit aus Gips. Aber auch danach blieb Gips ein absolut unverzichtbarer Werkstoff. Aufgrund des Ausbleibens von Werken aus Stein wurde er sogar noch wichtiger. Bei einer Reihe von Nachkriegswerken – darunter die besonders bedeutenden grossen Figuren der sogenannten Chase-Manhattan-Gruppe – arbeitete Giacometti sogar direkt in Gips und baute seine Figuren ohne Tonvorstufe, zum Teil unter Verwendung von gipsgetränkten Gaze-Stücken, direkt auf die metallenen Armierungen auf.

Ernst Scheideggers Aufnahmen von Giacometti während der Arbeit an diesen berühmten Gipsen prägen bis heute das Bild des Künstlers. Eine Auswahl von Fotografien ist in der Ausstellung zu sehen.

Der Künstler stellte bis zu seinem Lebensende aber weiterhin Gipse aus. Er stellte Gipse und Bronzen einander antithetisch gegenüber - sowohl im Bereich der avantgardistischen und surrealistischen Werke wie auch in demjenigen der späten Büsten und Köpfe. Gips und Bronze sind hier also explizit zwei gleichwertige Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks.

Die Gipse blieben auch für den Prozess der Werkentstehung selber weiterhin von massgeblicher Bedeutung. Neben der gerade im Spätwerk wichtigen, stärker immateriell wirkenden Qualität der Gipse spielte dabei die Möglichkeit eine grosse Rolle, die Werke aus Gips jederzeit umgestalten zu können: Gips lässt sich durch Glätten, Ritzen, aber auch durch Eingriffe mit einem Messer und schliesslich durch Bemalen sehr stark verändern. Giacomettis direkte Bearbeitung der Gipse, wie sie ungefähr ab Mitte der 1920er-Jahre nachweisbar ist, weist all diese Formen auf.

Homme à mi-corps, 1965, Oberkörper eines Mannes, Gips, bemalt, 60,6 × 19,5 × 32,4 cm, Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Homme à mi-corps, 1965, Oberkörper eines Mannes, Gips, bemalt, 60,6 × 19,5 × 32,4 cm, Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris

Die Bemalung von Gipsen wird bei Giacometti 1925 ein Thema, als der Künstler sich diesbezüglich von der Bemalung traditioneller japanischer Skulpturen inspirieren liess.

Das Bemalen von Bronzen scheint mit dem hohen Stellenwert zusammengehangen zu haben, den die besondere Ästhetik des hellen Materials Gips für den Künstler hatte: In einigen Fällen, in denen er Bronzen bemalte, ging es ihm offenbar darum, die Gips-Ästhetik auf die Metallfassung eines Werkes zu übertragen – und ihr so den stärker immateriellen Charakter des Gipses zu verleihen.

Der Wechsel des Aggregatzustands vom weichen Ton oder Plastilin zum harten Gips war für Giacometti von fundamentaler Bedeutung. Denn obschon er die Arbeit am Stein bald aufgab, war das glättende, ritzende, schürfende Wirken an einem harten Material für ihn künstlerisch wesentlich. Der Gips bot den nötigen Widerstand und ermöglichte Einritzungen, war aber gleichzeitig leichter zu bearbeiten als Stein. Die Gipse zeigen, dass Giacometti ein Gestalter war, der eine duale Vorgehensweise anwendete: neben das Aufbauende der plastischen Arbeit gehörte für ihn fundamental das Reduzierende, «Zerstörende» und Angreifende des skulpturalen Vorgehens. So gesehen war Gips für Giacometti das skulpturale Medium schlechthin, weshalb den Gipsen eine grosse Bedeutung zukommt.

Vor allem im Spätwerk kommt zur skulpturalen Arbeit in manchen Fällen die ergänzende Bearbeitung mit Farbe hinzu, wodurch auf die weiche Erstbehandlung und die harte skulpturale Deutung der plastischen Masse deren Neubelebung im unmittelbaren Moment der Wahrnehmung folgt.

Machen Sie diese Erfahrung jetzt in der Ausstellung! Aufgrund der Fragilität vieler Werke wird das Thema an keinem anderen Ort jemals in dieser Breite und hohen Qualität präsentiert werden können.

Ausstellung

Die von Kurator Philippe Büttner eingerichtete Ausstellung verläuft entlang der Lebens- und Schaffensphasen Alberto Giacomettis (1901–1966). Sie legt den Schwerpunkt auf die Entstehung der plastischen Werke. Parallel dazu gibt es auch wiederholt das malerische Talent des berühmten Künstlers zu entdecken. Ebenfalls einbezogen sind Gemälde von Alberto Giacomettis Vater Giovanni (1868-1933) und eine Skulptur Rodos von Niederhäusern (1863–1913).

1901–1919
Kindheit und erstes Schaffen

1901–1919
Kindheit und erstes Schaffen

Alberto Giovanni Giacometti wird am 10. Oktober 1901 in Borgonovo geboren, einem Dorf oberhalb von Stampa im Bergell (Schweiz). Er ist das erste Kind von Giovanni Giacometti (1868–1933), einem bekannten postimpressionistischen Maler, und Annetta Stampa (1871–1964). Die Familie zieht 1904 nach Stampa um.

Seinen Kindern ermöglicht Giovanni den freien Zugang zu seinem Atelier und stellt ihnen alle notwendigen Mittel zur Verfügung, um ihre Kreativität zu fördern. Sehr früh zeigt sich Alberto Giacomettis zeichnerisches Talent.

1901–1919: Kindheit und erstes Schaffen, 1920–1924: Ausbildung und frühe Zeit in Paris - Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner
1901–1919: Kindheit und erstes Schaffen, 1920–1924: Ausbildung und frühe Zeit in Paris
Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner

Um 1914 fertigt er seine erste Plastik an, Tête de Diego, ein Porträt seines Bruders. Dafür verwendet er Plastilin, das ihm sein Vater zur Verfügung gestellt hat. Ab dem Herbst besucht er die Evangelische Sekundarschule in Schiers. Die Schule stellt Alberto einen kleinen Raum als Atelier zur Verfügung. Es entstehen Skulpturen von seinen Schulkameraden. Einige dieser Arbeiten bewahrt Giacometti sein Leben lang auf. In den Schulferien erteilt ihm sein Vater weiterhin Unterricht; ausserdem studiert er das Werk Ferdinand Hodlers, Paul Cézannes und Paul Gauguins.

In dieser Zeit fertigt Giacometti weitere Skulpturen aus Plastilin und Ton an – Porträts seines Bruders Bruno und seiner Mutter – sowie zwei Medaillons aus Stein, die Alberto seiner Mutter und seiner Schwester Ottilia schenkt. Auch von dreien seiner Lehrer meisselt er die Porträts in Stein.

Kopf Bruno, 1919,Gips, 37,5 × 20,5 × 24 cm - Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung
Kopf Bruno, 1919, Gips, 37,5 × 20,5 × 24 cm
Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung
Kinderkopf (Simon Bérard), um 1917/18, Gips, bemalt, 22,7 × 12,6 × 16,4 cm - Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Kinderkopf (Simon Bérard), um 1917/18, Gips, bemalt, 22,7 × 12,6 × 16,4 cm
Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris

Im April 1919 beschliesst Giacometti, Schiers ohne Schulabschluss zu verlassen, und kehrt nach Stampa zurück, um als Künstler an der Seite seines Vaters zu arbeiten. Im September 1919 lebt er sechs Monate lang in Genf, wo er für kurze Zeit die École des Beaux-Arts besucht. Das dortige Umfeld missfällt ihm jedoch und er meldet sich an der École des Arts et Métiers an. Insgesamt stellt der Aufenthalt in Genf für ihn eine negative Erfahrung dar. Giacometti ist sowohl der Stadt als auch dem Studium abgeneigt und leidet unter einer grossen Sehnsucht nach seiner Familie. Er kauft eine Marmorplatte, in die er das Relief Ritratto della madre (Porträt der Mutter) einmeisselt.

1920–1924
Ausbildung und frühe Zeit in Paris

1920–1924
Ausbildung und frühe Zeit in Paris

Ende März 1920 verlässt Giacometti Genf und kehrt nach Stampa zurück. Es folgen längere Studienreisen nach Italien. Giacometti verbringt drei Wochen in Florenz, wo ihn eine Skulptur aus dem Ägyptischen Museum besonders anzieht. Auch Roms Kunstschätze begeistern ihn. Fasziniert ist Giacometti vor allem von der Kunst der Antike, dem Barock und den mittelalterlichen Mosaiken. Zwei Skulpturen entstehen, der Kopf Ada und der Kopf Bianca.

Künstlerutensilien von Alberto Giacometti, Greifzirkel, Malpalette und Taschenmesser - Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner
Künstlerutensilien von Alberto Giacometti, Greifzirkel, Malpalette und Taschenmesser
Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner

Er kehrt nach Stampa zurück, arbeitet wieder mit seinem Vater zusammen und beschliesst, Bildhauer zu werden. Ab dem 9. Januar 1922 ist Giacometti in Paris, um an den Bildhauereikursen von Émile-Antoine Bourdelle an der Académie de la Grande Chaumière teilzunehmen. Die Vormittage verbringt er gern in der Akademie, wo ihm Modelle für seine Tonskulpturen zur Verfügung stehen, während er nachmittags lieber in seinem Atelier zeichnet oder an Skulpturen arbeitet. Diese frühen Arbeiten gelten für Giacometti allesamt als Übungen, weshalb er sie alle zerstört.

Tête de la mère, 1919, Kopf der Mutter, Plastilin, 31 × 15 x 12 cm, Privatsammlung Schweiz
Tête de la mère, 1919, Kopf der Mutter, Plastilin, 31 × 15 × 12 cm, Privatsammlung Schweiz
1925–1929
Erste avantgardistische Jahre

1925–1929
Erste avantgardistische Jahre

Im Februar 1925 kommt sein Bruder Diego zu Alberto Giacometti nach Paris. Auf Einladung seines Lehrers Bourdelle – eines der Vizepräsidenten des Salon des Tuileries –, stellt Alberto dort eine erste Version eines Torse und einen Kopf aus, vermutlich ein Bildnis von Diego. An diesem Salon nimmt er in den Jahren 1926 bis 1928 teil sowie an den Ausstellungen im Salon des Indépendants in den Jahren 1926 bis 1929. Weitere Ausstellungen gemeinsam mit einem Kreis italienischer Freunde, die er in Paris kennengelernt hat, folgen. Zudem macht er die Bekanntschaft von Ossip Zadkine, Constantin Brancusi und Jacques Lipchitz, der ihn in dieser Periode am meisten beeinflusst. Giacometti beschäftigt sich mit der postkubistischen Skulptur und interessiert sich für die Kulturen Mexikos und Afrikas. Ab dem 1. Dezember 1926 mietet er ein Atelier in der Rue Hippolyte Maindron 46, das er sein ganzes Leben behalten wird. In seinem Pariser Studio fertigt er Köpfe und Figuren aus Ton im naturalistischen Stil an, aber auch Kompositionen, die der postkubistischen Avantgarde nahekommen. Viele dieser Tonskulpturen werden für Ausstellungen in Gips gegossen.

Werke 1925–1929: Erste avantgardistische Jahre, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung - Foto: Dominic Büttner
Werke 1925–1929: Erste avantgardistische Jahre, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung,
Foto: Dominic Büttner

Von Beispielen japanischer Kunst inspiriert, beginnt er damit, einige seiner Gipsabgüsse farbig zu bemalen. In dieser Zeit entstehen auch Skulpturen aus Terrakotta und Marmor. Während seiner Aufenthalte in Stampa interessiert sich Giacometti für die lokalen Steinsorten und fertigt einige Köpfe aus Granit an. Im Sommer 1927 entsteht eine wichtige Serie mit Skulpturen vom Kopf seines Vaters aus unterschiedlichen Materialien: Ton, Gips, Granit und Marmor. Im Februar 1928 stellt Giacometti auf der Ausstellung Les artistes italiens de Paris sieben Gipsskulpturen aus. Im selben Jahr entsteht Tête qui regarde, die erste einer Serie von flachen Plastiken, die Plaques (Plattenskulpturen) genannt werden.

Torse, 1925/26, Torso, Gips, 58 × 25 × 24 cm - Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung
Torse, 1925/26, Torso, Gips, 58 × 25 × 24 cm
Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung
Tête du père, 1927, Kopf des Vaters, Granit, 30 × 21 × 22 cm, Privatsammlung Schweiz
Tête du père, 1927, Kopf des Vaters, Granit, 30 × 21 × 22 cm, Privatsammlung Schweiz

Ab 1929 vertieft Giacometti seine Freundschaft mit André Masson und wird in den Kreis der surrealistischen Dissidenten eingeführt: Georges Bataille, Michel Leiris, Robert Desnos und Raymond Queneau. Ende Mai 1929 stellt er mit grossem Erfolg zwei Skulpturen, darunter Tête qui regarde, auf der Gemäldeausstellung von Massimo Campigli in der Galerie Jeanne Bucher aus. Der Vicomte Charles de Noailles erwirbt einen zweiten Gipsabguss von Tête qui regarde und lenkt damit die Aufmerksamkeit von ganz Paris auf den jungen Künstler. Im November 1929 lernt Giacometti den Kunstkritiker und Verleger Tériade kennen, der ihn einlädt, an der von ihm in der Galerie Georges Bernheim organisierten Ausstellung Exposition Internationale de la Sculpture teilzunehmen. Hier stellt Giacometti Homme, heute im Besitz des Pariser Musée national dʼart moderne (MNAM), und die Bronzeskulptur Trois personnages dehors, 1929, aus (heute in der Art Gallery of Ontario, Toronto). Der Künstler erhält mehrere private Aufträge des Bankiers David-Weill. Für dessen Speisezimmer entstehen ein Bronzerelief (das in der Gipsversion jahrelang über dem Bett im Atelier des Künstlers hängt) und zwei Feuerböcke in Form zweier Hunde oder wilder Tiere.

Petite composition, 1925/26, Kleine Komposition, Gips, bemalt, 13,3 × 5,9 × 3,4 cm - Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Geschenk Bruno Giacometti, 2007
Petite composition, 1925/26, Kleine Komposition, Gips, bemalt, 13,3 × 5,9 × 3,4 cm
Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Geschenk Bruno Giacometti 2007
Danseurs (homme et femme), 1927, Tänzer (Mann und Frau), Ton, gebrannt, bemalt, 23,5 × 16 × 13 cm, Centre Pompidou, Paris, Musée national d’art moderne/Centre de création industrielle, Schenkung der Scaler Foundation 1981
Danseurs (homme et femme), 1927, Tänzer (Mann und Frau), Ton, gebrannt, bemalt, 23,5 × 16 × 13 cm, Centre Pompidou, Paris, Musée national d’art moderne/Centre de création industrielle, Schenkung der Scaler Foundation 1981

Georges-Henri Rivière bestellt bei ihm ein weiteres Bronzerelief für sein Esszimmer. Im November 1929 beauftragen der Vicomte und die Vicomtesse de Noailles Giacometti mit einer grossformatigen Steinskulptur für den Garten ihrer Sommerresidenz im südfranzösischen Hyères. An diesem Werk arbeitet der Künstler bis zum Sommer 1932. Um allen Aufträgen nachzukommen, bittet Alberto seinen Bruder Diego um Unterstützung. Diego wird ab 1930 Giacomettis Assistent, der ihm bei seinen Bildhauerarbeiten hilft. Im Vertrag mit Pierre Loeb sind Bronzegüsse von einigen bereits vorhandenen Skulpturen vorgesehen: Es entstehen zahlreiche Unikate. Bis 1935 entsteht kein weiterer Bronzeguss, denn für die surrealistischen Werke scheint der Künstler Marmor und Holz zu bevorzugen.

1930–1934
Surrealismus

1930–1934
Surrealismus

André Breton und Salvador Dalí sind auf die in der Ausstellung Miró, Arp, Giacometti in der Galerie Pierre Loeb gezeigte erste Gipsfassung von Boule suspendue aufmerksam geworden und laden Giacometti ein, sich der Gruppe der Surrealisten anzuschliessen, was er auch macht. Zu diesem Zeitpunkt ist er hauptsächlich als Bildhauer tätig und malt eigentlich nur in Stampa – Porträts der Schwester Ottilia, des Vaters und des Vetters Renato Stampa. Mit Diegos Hilfe beginnt er mit der Herstellung von Dekorationsobjekten für den Innenarchitekten Jean-Michel Frank. Dieser Tätigkeit geht er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach. Giacometti entwirft zahlreiche Leuchten und Vasen aus Gips oder bemaltem Gips, die häufig auch in Bronze gegossen werden. Ausserdem ist er an umfangreichen Innendekorationsprojekten beteiligt, zu denen er mit Basreliefs, Hängeleuchten, Kaminen, Spiegeln, Konsolen, Medaillons und weiteren Objekten aus Bronze, Gips, vergoldetem Gips, Stein, Marmor, Terrakotta und Alabaster beiträgt.

Werke 1930–1934: Surrealismus, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner
Werke 1930–1934: Surrealismus, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner

Im Januar 1931 beauftragt Giacometti Ihitsague, einen aus dem Baskenland stammenden Tischler, zwei seiner Skulpturen in Holz anzufertigen: Boule suspendue, (die danach André Breton gehören wird und die heute im Besitz des MNAM ist) und Homme, femme et enfant, um 1931 (heute im Kunstmuseum Basel). Giacometti ist mit dem Ergebnis zufrieden und lässt im Laufe der Zeit noch weitere seiner Gipsskulpturen aus der surrealistischen Periode als Unikate in Holz anfertigen.

Auch während seines Sommeraufenthalts in Maloja experimentiert Giacometti mit surrealistischen Kompositionen aus bemaltem Holz, von denen aber keine erhalten ist. Marmor ist ein weiteres Material, das er gern für seine Skulpturen verwendet.

Fleur en danger, 1932, Blume in Gefahr, Holz, Gips, Draht und Schnur, 56 × 78 × 18 cm - Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung
Fleur en danger, 1932, Blume in Gefahr, Holz, Gips, Draht und Schnur, 56 × 78 × 18 cm
Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung

Angeregt durch die Ausführung der im Juni 1932 endgültig fertiggestellten grossformatigen Skulptur für die Vicomtes des Noailles, schafft Giacometti weitere grossformatige Plastiken für den Aussenbereich.
Von den sechs grossformatigen Skulpturen aus dieser Phase, die noch lange in Giacomettis Atelier zu sehen waren, ist nur eine erhalten, nämlich Cône.
Im Mai 1932 findet Giacomettis erste Einzelausstellung in der Pariser Galerie von Pierre Colle statt, in der in einer kleinen Retrospektive 15 ältere und neuere Skulpturen gezeigt werden.

Homme, femme et enfant, um 1931, Mann, Frau und Kind, Holz und Metall, 41,5 × 37 × 16 cm - Kunstmuseum Basel, Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach 1968
Homme, femme et enfant, um 1931, Mann, Frau und Kind, Holz und Metall, 41,5 × 37 × 16 cm
Kunstmuseum Basel, Schenkung Marguerite Arp-Hagenbach 1968

Die Abgüsse von Giacomettis Skulpturen werden nicht von Diego, sondern von dem Fachmann Louis Mazuet ausgeführt.

Für die Surrealisten-Ausstellung im Salon des Surindépendants im Herbst 1933 fertigt er eine grossformatige Fassung aus Holz und Gips von Cage an. Diese Skulptur schenkt er Max Ernst; sie wird später versehentlich zerstört. Weitere Arbeiten aus dieser Zeit sind Cube, von dem zwei Gipsversionen bekannt sind, Tête-crâne, der in unterschiedlichen Fassungen aus Gips, Terrakotta und Marmor überliefert ist, und Objet invisible.

Im Dezember 1934 findet Giacomettis erste Einzelausstellung in der New Yorker Julien Levy Gallery statt. Entweder 1934 oder im darauffolgenden Jahr entwirft er den Grabstein für das Grab seines Vaters und meisselt ihn aus einem Stein aus der Gegend. Giacomettis surrealistische Periode schliesst mit einer letzten Gipsskulptur ab: 1 + 1 = 3, eine weibliche Figur, die unvollendet bleibt.

Cône, um 1932, Kegel, Element vom Modell des «Projet pour une place» in Originalgrösse, Gips, 95 × 53 × 53 cm, Centre Pompidou, Paris, Musée national d’art moderne/Centre de création industrielle, Schenkung 1987
Cône, um 1932, Kegel, Element vom Modell des «Projet pour une place» in Originalgrösse, Gips, 95 × 53 × 53 cm
Centre Pompidou, Paris, Musée national d’art moderne/Centre de création industrielle, Schenkung 1987
1935–1945
Rückkehr zur Figuration und Jahre der Krise

1935–1945
Rückkehr zur Figuration und Jahre der Krise

Giacomettis Entscheidung, figurative Köpfe zu realisieren, führt am 14. Februar 1935 zu seinem Ausschluss aus der Gruppe der Surrealisten. In seinem Atelier arbeitet er jetzt täglich an den Köpfen, für die ihm Diego und das Berufsmodell Rita Gueyfier Modell stehen. Er verwendet dafür auch Plastilin; von einigen Arbeiten lässt er einen Gipsabguss erstellen, den er anschliessend oft noch mit einem Taschenmesser bearbeitet oder mit Bleistiftmarkierungen versieht. Auch Isabel Delmer, mit der Giacometti liiert ist, sitzt für zwei Köpfe Modell. Von dem ersten, der 1936 entsteht und Einflüsse der ägyptischen Kunst aufweist, sind mehrere Exemplare bekannt. In Stampa posiert die junge Maria Fasciati-Maurizio, die seiner Mutter im Haushalt hilft, für einen Kopf.

Werke 1935–1945: Rückkehr zur Figuration und Jahre der Krise I, Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner
Werke 1935–1945: Rückkehr zur Figuration und Jahre der Krise I, Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner

Im Jahr 1935 lässt Giacometti erstmals seit 1929 wieder eine seiner Skulpturen in Bronze giessen: Es entstehen zwei oder drei Exemplare von Mère et fille. Im November 1936 erwirbt Pierre Matisse, Kunsthändler und Sohn des bekannten Künstlers Henri Matisse, die Vase Marianne und die Gipsversion von Femme qui marche II von 1932. Neue Freundschaften entstehen und Giacometti verkehrt mit Balthus, Francis Gruber, Tal Coat und André Derain, Samuel Beckett, Pablo Picasso, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Er beschäftigt sich mit Merleau-Pontys Studien über die Phänomenologie der visuellen Wahrnehmung.

Werke 1935–1945: Rückkehr zur Figuration und Jahre der Krise II, Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner
Werke 1935–1945: Rückkehr zur Figuration und Jahre der Krise II, Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner

Am 11. Oktober 1937 stirbt seine Schwester Ottilia bei der Geburt ihres ersten Kindes. Giacometti fertigt «aus der Erinnerung» einen Kopf der Schwester an – die erste Skulptur, die er in einem beträchtlich kleineren Format ausführt.

In den Jahren 1938 und 1939 arbeitet Giacometti an zwei Grossaufträgen, die ihm Jean-Michel Frank vermittelt hat, der eine für die Wohnung von Nelson Rockefeller in New York, der andere für Jorge Borns Villa in Buenos Aires.
Im Jahr 1941 erwirbt Peggy Guggenheim von Pierre Matisse den Gips von Femme qui marche II. Im Dezember beantragt Giacometti ein Einreisevisum in die Schweiz, um in Genf seine Mutter und den Neffen Silvio, die dort leben, zu besuchen. Am 31. Dezember verlässt Alberto Paris, während Diego sich dort weiter um das Atelier kümmert. Da die Behörden Alberto ein Einreisevisum nach Frankreich verweigern, ist er gezwungen, die gesamte Kriegszeit in der Schweiz zu verbringen.

Tête de Maria Fasciati, um 1935, Kopf Maria Fasciati, Ton, ungebrannt, 19,5 × 17 × 12,5 cm - Privatsammlung Schweiz
Tête de Maria Fasciati, um 1935, Kopf Maria Fasciati, Ton, ungebrannt, 19,5 × 17 × 12,5 cm
Privatsammlung Schweiz
Tête de femme (Rita), 1935, Weiblicher Kopf (Rita), Holz und Bleistift, 17,6 × 7 × 8,6 cm - Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Tête de femme (Rita), 1935, Weiblicher Kopf (Rita), Holz und Bleistift, 17,6 × 7 × 8,6 cm
Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris

Er lernt Annette Arm (1923–1993) kennen, die er 1949 heiratet. Geduldig sitzt sie für zahlreiche Gemälde, Skulpturen und Zeichnungen Modell. Seine Skulpturen verkleinern sich immer weiter, bis sie kaum noch zu sehen sind. Einzige Ausnahme ist Femme au chariot, eine Gipsskulptur, die in Maloja entsteht und über 1,50 m hoch ist. Im Oktober 1943 beginnt er mit der Arbeit an der Gipsskulptur Silvio debout (les mains dans les poches) und an zwei Köpfen aus Plastilin, für die ebenfalls sein Neffe als Modell dient. Über Giacomettis Rückkehr nach Paris am 18. September 1945 erzählt man sich, dass der Künstler mit sechs Streichholzschachteln ankommt, in der sämtliche Skulpturen aus der Genfer Zeit aufbewahrt sind. Alberto setzt seine Studien in der Bildhauerei fort.

Albatros, um 1937, Gips, 74 × 149 × 5,7 cm - Kunsthaus Zürich, Legat Bruno Giacometti, 2012
Albatros, um 1937, Gips, 74 × 149 × 5,7 cm
Kunsthaus Zürich, Legat Bruno Giacometti, 2012
Petite figurine sur socle, um 1939/1945, Kleine Figur auf Sockel, Gips, 7,3 × 3,5 × 3,7 cm - Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Geschenk Anna und Anton Bucher-Bechtler
Petite figurine sur socle, um 1939/1945, Kleine Figur auf Sockel
Gips, 7,3 × 3,5 × 3,7 cm
Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Geschenk Anna und Anton Bucher-Bechtler
1946–1958
Reifezeit

1946–1958
Reifezeit

Über die Zeichnung kommt Giacometti zu den in die Länge gestreckten Figuren, die ein grundlegender Bestandteil seines reifen Stils sind.
Im Dezember erscheint Giacomettis Text «Le Rêve, Le Sphinx et la mort de T.» in der Zeitschrift Labyrinthe. Das Jahr 1947 zeichnet sich durch eine grosse Produktivität in der Zeichnung, Bildhauerei und Malerei aus. Alberto arbeitet direkt in Gips, während Diego die Armatur für die Skulpturen vorbereitet. Femme debout, Homme qui marche, Le nez, Tête sur tige, La main, Homme qui pointe entstehen. Pierre Matisse ist positiv beeindruckt von den neuesten Arbeiten und bietet Giacometti eine Einzelausstellung in seiner Galerie an. Die Eröffnung findet im Januar 1948 statt und dies ist Giacomettis erste Ausstellung in New York seit 1934.

Werke 1946–1958: Reifezeit II, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner
Werke 1946–1958: Reifezeit II, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner

Pierre Matisse wird Giacomettis Kunsthändler in den Vereinigten Staaten.

Die zweite Ausstellung in der Pierre Matisse Gallery zwischen November und Dezember bestätigt endgültig seinen Erfolg. Hier sind die Bronzegüsse seiner bekanntesten Arbeiten aus diesen Jahren zu sehen, unter anderem Femme debout, Trois hommes qui marchent, Place, Homme qui marche sous la pluie, La cage, Le chariot, La forêt, La clarière, Homme qui chavire, Figure dans une boîte entre deux boîtes qui sont des maisons, Quatre femmes sur socle.

La main, 1947, Die Hand, Gips und Eisenstab bemalt, 65,5 x 79 x 12 cm, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner
La main, 1947, Die Hand, Gips und Eisenstab bemalt, 65,5 × 79 × 12 cm, Kunsthaus Zürich,
Alberto Giacometti-Stiftung, Foto: Dominic Büttner

Im Juni 1951 erfolgt die erste Ausstellung in der Galerie Maeght, in der neben zahlreichen Bronzeskulpturen und den Gipsversionen von Femme debout, Le chat, Le chien, Buste de Diego auch Gemälde und Zeichnungen zu sehen sind. Bis 1964 bleibt Aimé Maeght Giacomettis Kunsthändler in Europa. Die sehr fruchtbare Zeit in seiner Maler- und Bildhauertätigkeit dauert an. Er fertigt zahlreiche Büsten von Diego und Annette, die auch stehend für Ganzkörperskulpturen posiert. Alberto arbeitet vorzugsweise mit Ton, während Diego die Anfertigung der Gipsabgüsse und die Patinierung der Bronzegüsse übernimmt (man nennt ihn sogar «das Ass der Patinierung»). Giacometti «belebt» die Gipse oft mit schwarzen oder roten Pinselstrichen.

Im Jahr 1955 entstehen anlässlich dreier wichtiger Retrospektiven, die in London (Arts Council of Great Britain), Krefeld (Kaiser-Wilhelm-Museum) und New York (Solomon R. Guggenheim Museum) geplant sind, zahlreiche Bronzegüsse seiner Skulpturen. 1956 arbeitet Alberto an einer stehenden weiblicher Figur aus Ton. Jedes Mal, wenn er mit einer Version zufrieden ist, stellt Diego einen Gipsabguss davon her. So entstehen ungefähr 15 Gipsabgüsse, von denen neun in Bronze gegossen werden. In dem Jahr folgt Giacometti der Einladung, im französischen Pavillon auf der Biennale von Venedig auszustellen, und präsentiert sechs dieser Gipsabgüsse. Aus diesem Grund trägt die Serie bis heute den Titel Femmes de Venise. Die Nummerierung der Gipsversionen bezieht sich auf die Reihenfolge, in der sie gegossen wurden, und nicht auf die Reihenfolge ihrer Entstehung.

La main (étude), 1947, Die Hand (Studie), Gips, 1.5 × 12.5 × 9 cm, Kunsthaus Zürich, Legat Bruno Giacometti, 2012
La main (étude), 1947, Die Hand (Studie), Gips, 1.5 × 12.5 × 9 cm, Kunsthaus Zürich,
Legat Bruno Giacometti, 2012

Im Oktober 1956 begegnet er dem Japaner Isaku Yanaihara, einem Professor für französische Philosophie, der jeweils im Sommer der Jahre 1957, 1959, 1960, 1961 ins Atelier von Giacometti zurückkehrt, um für eine Serie von Ölbildnissen und für zwei Tonskulpturen Modell zu sitzen, von denen die Formen für die Gipsversion erhalten sind. Die Schwierigkeit, Yanaiharas asiatische Gesichtszüge zu reproduzieren, zwingt Giacometti dazu, seine Theorien über die visuelle Wahrnehmung zu überdenken. Die Gemälde, die in dieser durch Zweifel geprägten Zeit entstanden und als «têtes noires» (schwarze Köpfe) bekannt geworden sind, wurden zusehends monochrom.

Tête d’homme, um 1948–1950, Männlicher Kopf, Gips, bemalt, 25,8 × 8,5 × 9,5 cm - Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Tête d’homme, um 1948–1950, Männlicher Kopf, Gips, bemalt, 25,8 × 8,5 × 9,5 cm
Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Femme de Venise VIII, 1956, Frau für Venedig VIII, Gips, 124,8 × 14,5 × 34 cm - Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Femme de Venise VIII, 1956, Frau für Venedig VIII, Gips, 124,8 × 14,5 × 34 cm
Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
1959–1966
Die späten Jahre

1959–1966
Die späten Jahre

Giacometti nimmt an der Ausschreibung für ein Denkmal auf dem Platz vor der Chase Manhattan Bank in New York teil. Seine insgesamt sieben Skulpturen – vier stehende Frauenfiguren, zwei gehende Männerfiguren und ein grossformatiger männlicher Kopf – entstehen direkt in Gips. Wenngleich keine davon der Jury präsentiert wird, so werden dennoch alle sieben 1960 in Bronze gegossen.

Im März 1961 fertigt er einen schmalen Baum für das Bühnenbild von Samuel Becketts Warten auf Godot. In der Galerie Maeght findet seine vierte Ausstellung statt und im Dezember eine weitere Einzelausstellung in der Pierre Matisse Gallery in New York. Aus den künstlerischen Recherchen, die Giacometti im Zusammenhang mit Yanaihara unternommen hat, zieht er die Schlussfolgerung, dass die Skulptur ein Spiegelbild der Realität ist. Der Blick des Modells wird zum Mittelpunkt der Recherche des Künstlers, der nun seinen Schwerpunkt auf Porträts von den ihm am nächsten stehenden Menschen legt: seine Ehefrau Annette, sein Bruder Diego, seine Geliebte Caroline. Er arbeitet ununterbrochen über lange Zeiträume hinweg an Büsten und Porträts aus Ton, entweder mit einem Modell vor sich oder «aus der Erinnerung». Es entstehen zahlreiche Büsten, die Diegos körperliche Merkmale aufweisen, und eine Serie von neun Büsten, die Annette darstellen und von denen die letzte 1964 ausgeführt wird.

Werke 1959–1966: Die späten Jahre, Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner
Werke 1959–1966: Die späten Jahre, Kunsthaus Zürich, Foto: Dominic Büttner

Von Caroline als Modell ist lediglich eine Skulptur aus dem Jahr 1962 überliefert. In Stampa arbeitet Alberto 1964 an zwei Büsten aus Ton, die «aus der Erinnerung» entstehen sollen. Diego ist in Paris geblieben und fertigt den Abguss für zwei Skulpturen an, die den Titel Chiavenna I und Chiavenna II tragen. Deshalb übernimmt Italo Rizzi, auf Empfehlung von Severino Corbetta, die Assistenzaufgaben, die sonst Diego obliegen. Alberto fertigt die Skulptur Donna in piedi: Die Tonversion und ein Bronzeguss davon erhält Italo Rizzi als Geschenk, während Alberto den Gipsabguss und einen weiteren Bronzeguss Severino Corbetta schenkt. Für die Ausstellung in New York im Jahr 1965 entstehen zwei Männerbüsten, New York I und New York II. Es handelt sich hierbei um zwei «aus der Erinnerung» angefertigte Porträts von Diego.

Nu debout sur socle cubique, 1953, Stehender Akt auf würfelförmigem Sockel, Gips, bemalt, 43,5 × 11,7 × 11,8 cm, Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Nu debout sur socle cubique, 1953
Stehender Akt auf würfelförmigem Sockel
Gips, bemalt, 43,5 × 11,7 × 11,8 cm
Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Stèle III, 1958, Stele III, Gips, 167,3 × 30,2 × 19,8 cm, Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Stèle III, 1958, Stele III
Gips, 167,3 × 30,2 × 19,8 cm
Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris

In seinen letzten Lebensjahren erhält Giacometti zahlreiche internationale Auszeichnungen, die seinen herausragenden Ruf bestätigen. Für das Werk Homme qui marche, das auf der International Exhibition of Contemporary Painting and Sculpture ausgestellt wurde, wird er 1961 vom Carnegie Institute, Chicago mit dem Preis für Bildhauerei ausgezeichnet. Die Zeitschrift Du widmet die gesamte Februarausgabe 1962 Giacomettis Werken. Es folgt eine Einladung, auf der Biennale von Venedig im Zentralpavillon auszustellen. Auf dieser Biennale wird ihm der Grosse Preis für Bildhauerei verliehen. Während der Ausstellungsvorbereitungen bemalt Giacometti einige Bronzeskulpturen mit Ölfarbe. Im selben Jahr findet im Kunsthaus Zürich eine umfangreiche Retrospektive statt.

Am 6. Februar 1963 unterzieht sich Giacometti in Paris einem chirurgischen Eingriff, bei dem ein Tumor aus dem Magen entfernt wird.

In Paris trifft er erneut Eli Lotar, einen Fotografen rumänischer Herkunft, der von den Surrealisten sehr geschätzt wurde, aber nun etwas «verloren» wirkt. Lotar sitzt für drei Skulpturen, einen Kopf und zwei Büsten Modell. Die letzte Plastik davon ist auch die letzte Arbeit des Künstlers vor seinem Tod. Am 25. Januar 1964 stirbt seine Mutter Annetta mit 93 Jahren. Am 28. Juli wird die Fondation Marguerite et Aimé Maeght in Saint-Paul de Vence gegründet, der Giacometti zahlreiche Werke stiftet. Wie für die Biennale in Venedig bemalt er einige Bronzen, insbesondere die Skulpturengruppe, die für den Platz vor der Chase Manhattan Bank gedacht war. Im Jahr 1965 finden weltweit wichtige Retrospektiven statt. Giacometti beschliesst, alle zu besichtigen, und reist zur Tate Gallery nach London, zum Louisiana Museum nach Humlebæk und zum Museum of Modern Art nach New York.

Petite femme debout, um 1950, Kleine stehende Frau, Gips, Höhe 9,8 cm, Privatsammlung Schweiz
Petite femme debout, um 1950
Kleine stehende Frau, Gips, Höhe 9,8 cm
Privatsammlung Schweiz
Buste d’homme assis (Lotar III), 1965/66<br>Büste eines sitzenden Mannes (Lotar III)<br>Gips, 67,1 × 28,1 × 37,6 cm<br>Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris
Buste d’homme assis (Lotar III), 1965/66
Büste eines sitzenden Mannes (Lotar III)
Gips, 67,1 × 28,1 × 37,6 cm
Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris

Am 20. November wird ihm der Grand Prix National des Arts in Paris verliehen; ausserdem erhält er von der Universität Bern die Ehrendoktorwürde. Am 16. Dezember wird in der Schweiz nach vielen Kontroversen die Alberto Giacometti-Stiftung ins Leben gerufen. Da es Giacometti gesundheitlich immer schlechter geht, verlässt er am 5. Dezember Paris und lässt sich ins Kantonsspital Chur einliefern. Hier stirbt er am 11. Januar 1966 an Herzversagen. Die Beerdigung findet am 15. Januar in Stampa statt, wo Giacometti auf dem Friedhof San Giorgio in Borgonovo neben seinen Familienangehörigen bestattet wird. Zurück in Paris giesst Diego die Tonskulptur Lotar III in Gips, an der sein Bruder bis zuletzt gearbeitet hatte.

Restaurierung

Während vier Jahren wurden 75 Gipse erforscht, konserviert oder restauriert. Es zeigte sich, dass viele Gipsobjekte nicht nur auf unterschiedlichste Art beschädigt waren, sondern auch Arbeitsspuren und Zeugnisse verschiedener Arbeitsprozesse aufwiesen. Arbeitsspuren und Beschädigungen mussten voneinander unterschieden werden um adäquate restauratorische Massnahmen festzulegen.
In der Analysephase lag der Schwerpunkt auf der kunsttechnologischen und gusstechnischen Forschung sowie der Zustandsevaluation. Sie bildeten zusammen mit Material- und Objektanalysen sowie Literatur- und Archivrecherchen die Entscheidungsgrundlagen, auf der geeignete restauratorische Massnahmen beschlossen werden konnten. Die zweite Phase des Projekts beinhaltete schliesslich die Konservierung und Restaurierung der Gipse.

  • Methoden und Herangehensweisen

    Unter dem Stereomikroskop konnte eine Vielzahl von Spuren und Materialien erkannt, interpretiert und einem bestimmten Prozess zugeschrieben werden. So bedeutet etwa ein steckengebliebenes Gipsstückchen in den Vertiefungen einer Skulptur, dass sie anhand einer Gipsnegativform hergestellt wurde. Das Gipsstückchen kann also ein Beweis dafür sein, dass eine Skulptur der direkte Abguss von einem Ursprungsmodell aus Ton oder Plastilin ist. Zusätzliche Untersuchungen z. B. unter UV-Licht machten zudem einiges sichtbar, was dem Auge sonst verborgen bleibt. Um die vermuteten Materialien und Prozesse zu verifizieren, wurden Materialanalysen, 3 D-Scans oder Röntgentomografien von externen Spezialisten durchgeführt. Die digitale und mobile 2 D-Radiografie wurde standardmässig bei allen Gipsen angewendet.

    Restauratorin bei der Arbeit.
    Restauratorin bei der Arbeit.

    Materialien mit unterschiedlicher spezifischer Dichte wie z. B. gegossene und neu angetragene Gipsstrukturen, Verläufe der Armierung oder «verborgener Gefahren» wie Risse, Hohlräume oder alte Reparaturen wurden so sichtbar gemacht. Besonders für die zweite Phase des Projekts und in Anbetracht der Tatsache, dass einige der Objekte in Zukunft auch reisen sollen, sind diese Bilder von grosser Bedeutung. Sie helfen, die Fragilität der Objekte richtig einzuschätzen sowie Handling und Transport zu optimieren.

    Dem Kernteam stand ein Fachgremium, bestehend aus Spezialisten der Kunstwissenschaft, Restaurierung und Giess- und Gipstechnik, beratend zur Seite.

    Femme debout no. 8, um 1954 - In der Röntgenaufnahme ist der Verlauf der Metallarmierung gut zu sehen.
    Femme debout no. 8, um 1954
    In der Röntgenaufnahme ist der Verlauf der Metallarmierung gut zu sehen.

    Alle Informationen wurden in einer für diese Zwecke erstellten Datenbank erfasst. Heute liegen dem Kunsthaus Zürich dank der Untersuchungen reichhaltige Informationen zu verwendetem Material und Materialspuren vor, die bei der Beantwortung von Fragen zur Entstehung und Funktion der Gipse eine wichtige Rolle spielen. Die gewonnenen Erkenntnisse über die verschiedenen Arbeitsmethoden führten auch bei der künstlerischen Einordnung der Werke zu neuen Erkenntnissen. So avanciert ein nachweislich von Künstlerhand bemalter Gips vom funktionalen Objekt – die Vorstufe zu einem Abguss – zum vollendeten Kunstwerk. Kunsthistorisch wie monetär erhält es damit einen viel höheren Wert.

    Silikonformen (vergleichbare Technik wie Gelatineformverfahren) der Fonderie Susse.
    Silikonformen (vergleichbare Technik wie Gelatineformverfahren) der Fonderie Susse.

    Das Restaurierungskonzept wurde 2012 an einem internationalen Kolloquium im Kunsthaus Zürich vorgestellt, diskutiert und später von der Alberto Giacometti-Stiftung Zürich beschlossen. Was sind die Ergebnisse?

  • Das Gipsmodell als Vorlage für (weitere) Abgüsse

    Zwei Drittel der Gipsmodelle wurden nach ihrer Fertigstellung mindestens einmal abgeformt, um sie in Bronze oder in einigen wenigen Fällen, ein weiteres Mal in Gips zu giessen. Dazu mussten die Oberflächen für den Abformungsprozess vorbereitet, mit einer bestimmten Schicht isoliert und mit einem Trennmittel bestrichen werden. Dies erklärt, warum sich die Gipse heute farblich so stark voneinander unterscheiden. Mindestens drei verschiedene Abgusstechniken stehen einem Künstler oder Giesser bei diesem Schritt zur Verfügung: Die Gelatineform, die Sandform und die Gips-Stückform. Ab den späten 1970er-Jahren wurde auch die Silikonform relevant.

    Silikonkautschukreste einer späten Abformung aus den 1980er-Jahren.
    Silikonkautschukreste einer späten Abformung aus den 1980er-Jahren.

    Für eine Gelatineabformung sprechen z. B. folgende Spuren: Schnitte (scharf, fast v-förmig), Gelatinestücke, Tonreste in Form von Trennwülsten oder Positionsmarken an der Unterseite. Schellack, Öl oder Savon noir sind hier typische Isolier- bzw. Trennmittel und geben dem Gips die charakteristische Färbung. Bei einer Abformung mit Sand hingegen findet man Ritzungen – im Gegensatz zu den Schnitten sind sie weicher und u-förmig –, Formsandreste und weisses Talkumpulver. Ein Silikonabguss lässt sich oft nur anhand von Silikonkautschukresten nachweisen.

    Eine ganz andere Art «Spur» sind die in mehrere Teile geschnittenen Gipse selbst: Homme qui marche I oder Grande femme III mussten z. B. für den Bronzeguss auseinandergeschnitten werden und liegen heute mehrteilig vor. Anhand dieser Spuren liess sich feststellen, dass etliche Gipse wiederholt und zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Bronze gegossen wurden. Nicht selten konnten an einem Objekt bis zu drei verschiedene Techniken festgestellt werden. Dies lässt sich bei Giacomettis Werken beim Auftreten von Sand- und Gelatineabformungen am selben Gips häufig auf einen Wechsel der Giesserei zurückführen, deutet im Falle von Silikonabformungen aber auch auf späte Abgüsse hin, die nach seinem Tod 1966 von der Witwe Annette Giacometti in Auftrag gegeben wurden.

    Mit dem Wissen um Herstellungs- und Abgussprozesse ist heute in fast allen Fällen klar, wie die Gipse entstanden sind und wie und ob sie weiterverwendet wurden. Nach Abschluss des Projekts wurde, auch dank dieser Ergebnisse, ein systematischer Abgleich mit den Dokumenten in der Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris, möglich.

  • Substanzerhalt und ästhetische Verbesserung des Gesamtzustandes

    Bei den Gesprächen über das Ziel und den Umfang der Restaurierung der Gipse stand die Durchführung der dringendsten konservatorischen Massnahmen, d. h. sichernde und stabilisierende Eingriffe ausser Frage. Die Diskussion um die ästhetischen Interventionen hingegen wurde kontrovers geführt: Sind braune Schellacküberzüge als Teil der Geschichte des Werks zu belassen? Dürfen sie reduziert oder gar entfernt werden? Wie weit soll und darf ein restauratorischer Eingriff gehen, und sind die in der Giesserei als Gussvorlage für den Bronzeguss auseinandergesägten Stücke so zu belassen oder dürfen sie nachträglich wieder «vereint» werden – in einen Zustand, den es historisch so nicht gab. Das Projektteam vertrat in diesen Diskussionen den Standpunkt, dass die Gipse in ihren Einzelteilen belassen und die Spuren ihrer Funktion – also die Verwendung als Gussvorlage – als Teil der Werkgeschichte respektiert werden sollten.

    Grande femme I, 1960, Grosse Frau I, Gips, mit Isolier- und Trennmittelschichten überzogen
    Grande femme I, 1960, Grosse Frau I, Gips, mit Isolier- und Trennmittelschichten überzogen

    Nicht zuletzt aufgrund des bedeutenden Stellenwerts der Gipse in der Kunst des 20. Jahrhunderts, aber auch weil jede Restaurierung zunächst der Intention des Künstlers verpflichtet ist, wurden dort, wo die Lesbarkeit und das Verständnis des Werks stark beeinträchtigt sind, die ästhetischen Massnahmen vonseiten des Projektteams stärker gewichtet als die Erhaltung der Spuren der Werkgeschichte. Unbedingt vermieden werden sollten neue «Mischzustände», die weder das ursprüngliche Aussehen noch den gewachsenen Zustand repräsentieren und somit – durch den Verlust der Authentizität – für das Verständnis der Werke kontraproduktiv sein könnten. Gerade dort, wo die Frage im Raum stand, ob man die Gipse – etwa durch die Abnahme des Schellacks oder durch ein Zusammensetzen der zerteilten Gipse – wieder in ihren «originalen» Zustand bringen könne, wurde – angesichts der restauratorischen Bedenken – intensiv diskutiert.

    Nach ausführlichen Tests zur Klebung, Festigung, Kittung und Retusche von Gips konnten die beschlossenen Massnahmen schliesslich umgesetzt werden.

    Nicht alle der 75 Gipse, die der Alberto Giacometti-Stiftung gehören und in der Ausstellung gezeigt werden, können dauerhaft im Kunsthaus präsentiert oder zu anderen Ausstellungsorten transportiert werden. Sie sind und bleiben fragil. Aber ihr Erhalt ist – wie der aus ihrer Analyse gewonnene Erkenntnisgewinn – auf Jahrzehnte gesichert.

Veranstaltungen

Lesung mit Texten von Yves Bonnefoy

Die Schauspielerin Isabelle Menke liest aus Bonnefoys Monografie über Alberto Giacometti sowie ausgewählte Gedichte aus den 1950er- und 1960er-Jahren.
Auf Deutsch und Französisch.

Donnerstag, 12. Januar 2017, 18.45 Uhr
Eintritt im Ausstellungsticket inbegriffen

 

 

Führungen

Öffentliche Führungen

Deutsch: Mittwochs und donnerstags um 18 Uhr, freitags um 15 Uhr und sonntags um 11 Uhr

Englisch: Sonntag, 13. November um 16 Uhr und Samstag, 3. Dezember um 13 Uhr

Französisch: Samstag, 26. November um 13 Uhr

 

Private Führungen

in verschiedenen Sprachen können auf Anfrage vereinbart werden.

 

 

Kunstvermittlung

Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren

Kunstgespräch: Alberto Giacometti

Wir gehen von der eigenen Wahrnehmung aus und versuchen, im gemeinsamen Gespräch die Bedeutungsschichten einzelner Figuren in der Ausstellung zu ergründen. Mit Sibyl Kraft

Do 24. November, 18.15–19.45 Uhr
CHF 25.- / Mitglieder CHF 10.-

 

Familienworkshop

Von wegen Gipskopf!

Alberto Giacomettis Meistergipse entdecken, zeichnen und selbst mit Gips experimentieren. Arbeitskleidung brauchen Sie, Vorkenntnisse nicht. Mit Barbara Brandt

So 27. November, 10.30–12.30 Uhr
Erwachsene CHF 10.- / Kinder und Jugendliche CHF 5.-/ Familienpreis CHF 25.-

Für diese Veranstaltungen ist eine Anmeldung erforderlich: 044 253 84 84 oder kunstvermittlung@kunsthaus.ch

Informationen

Katalog

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit kunstwissenschaftlichen Beiträgen von Philippe Büttner, Casimiro Di Crescenzo, Catherine Grenier, Christian Klemm und Stefan Zweifel sowie kunsttechnologischen Analysen von Kerstin Mürer und Tobias Haupt.
Die in den Sprachen deutsch, englisch und französisch im Verlag Scheidegger & Spiess erscheinende Publikation umfasst 240 Seiten und rund 270 Abbildungen. Sie präsentiert anhand neuer Aufnahmen erstmals den gesamten, im Kunsthaus Zürich aufbewahrten Bestand an Gipsen Alberto Giacomettis und ist für CHF 59.- im Kunsthaus-Shop und im Buchhandel erhältlich.

 

 

Adresse

Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1,
CH–8001 Zürich

Tel. +41 (0)44 253 84 84,
www.kunsthaus.ch

 

Öffnungszeiten

Fr–So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do 10–20 Uhr. Feiertage siehe www.kunsthaus.ch

 

Eintritt inkl. Audioguide

22.– /17.– reduziert und Gruppen.

Kombi-Tickets Sammlung und Ausstellung: CHF 25.–/18.– reduziert und Gruppen (bis 16 Jahre Eintritt frei).

Neue Eintrittspreise ab 1. Januar 2017!

 

Vorverkauf

SBB RailAway-Kombi: Ermässigung auf Anreise und Eintritt: am Bahnhof oder beim Rail Service 0900 300 300 (CHF 1.19/Min. ab Festnetz),
www.sbb.ch/kunsthaus-zuerich.

Zürich Tourismus: Hotelzimmer-Buchung und Ticketverkauf, Tourist Service im Hauptbahnhof, Tel. +41 44 215 40 00, information@zuerich.com, www.zuerich.com.

 

 

Impressum

Zürcher Kunstgesellschaft
Postfach, CH-8024 Zürich

 

Texte

Philippe Büttner, Casimiro Di Crescenzo, Kerstin Mürer

 

Redaktion

Björn Quellenberg, Kristin Steiner

 

Konzept, Gestaltung und technische Realisation

Eidenbenz / Zürcher AG

 

Abbildung Einstiegsseite

Alberto Giacometti, Werke 1949-1965, Kunsthaus Zürich, Alberto Giacometti-Stiftung. Photo: Dominic Büttner

Alle Werke: © Succession Alberto Giacometti / 2016 ProLitteris, Zürich
Alle Urheberrechte bleiben vorbehalten. Sämtliche Reproduktionen sowie jegliche andere Nutzungen ohne Genehmigung durch die ProLitteris – mit Ausnahme des individuellen und privaten Abrufens der Werke – ist verboten.

Abdruck mit Quellenangabe erwünscht.
© Kunsthaus Zürich 2016