







München war im 19. Jahrhundert unbestritten die Kunststadt Deutsch-
lands, in ihrem Leuchten allein durch die Metropole Paris überragt.
Albert von Keller (1844–1920) war ein hoch angesehener und produktiver
Münchner Maler mit Zürcher Wurzeln und mannigfachen Kontakten zur
französischen Kunstwelt. Ab 1870 entwickelte er eine rege Ausstellungs-
tätigkeit, von 1883 an nahm er häufig am Salon in Paris teil. 1886 trat er
der neu gegründeten Münchner Psychologischen Gesellschaft bei,
1892 war er Mitbegründer der Münchner Secession.
Den Typus des Gegenwartskünstlers auf ideale Art verkörpernd, hat
Keller klassische Bildsujets in damals modernem Sinne interpretiert und
aktualisiert, Spielformen zeitgenössischen Lebensgefühls verstand er
in die Jetztzeit zu transponieren. Wie ein Pianist, der unterschiedliche
Stile und Aufführungsmodi gleichzeitig beherrscht und miteinander
kombinieren kann, hat Keller verschiedene Malweisen vorgeführt. Im
Atelier und in der Wohnung an repräsentativster Lage spielte der Maler-
aristokrat auf einem Bechstein-Flügel; er verstand seine Malerei als
aus dem Geiste der Musik – etwa von Chopin oder Wagner – entstanden.
Hervorzuheben ist Kellers Hang zum Okkulten; Phänomene im Grenz-
bereich zwischen Leben und Tod, zwischen objektiver Wahrnehmung
und suggestiver Täuschung zogen ihn an. Ein eigentümliches Charakteris-
tikum Kellers ist seine Vorliebe für Überblendungen jeder Art.
Die Klaviatur von Kellers Ausdrucksmöglichkeiten war erstaunlich
breit; sie reichte von reizvollem Wohlklang bis hin zu befremdlich disso-
nanten Tönen. So liefert Kellers Kunst ein schillerndes Sittengemälde
von Gründerzeit und Belle Epoque. Kellers Kunstprinzip war die Freiheit,
sein Leitmotiv die Frau: «Neu und wunderbar» habe er die Frauen
gesehen, bemerkte die Zeitschrift «Jugend». Durch sensible Pinselführung
und koloristische Brillanz werden Werke zu einer Malerei verwoben, die
durch Stimmungsimpressionismus Seelisches anklingen lässt: Psyche und
Peinture werden zu einer Einheit.
Das Kunsthaus Zürich zeigt die erste umfassende Albert von Keller
gewidmete Ausstellung musealen Ranges seit einem Jahrhundert.
Von Gian Casper Bott kuratiert, gibt sie endlich Anlass, einen ehemals
berühmten Maler – 1914 konstatierte die Kritik eine eigentlichen
«Keller-Ekstase» – neu zu entdecken und unvoreingenommen auf den
Prüfstand zu stellen. Galten Kellers Bilder in ihrer Entstehungszeit als
modern, bieten sie dem heutigen Blick die Folie, von der sich die
Revolutionäre der Klassischen Moderne abhoben. Ausgehend von
der 2006 ins Kunsthaus gelangten Sammlung Dr. Oskar A. Müller, wird
die Ausstellung punktuell ergänzt durch Leihgaben anderer Museen,
in erster Linie der Neuen Pinakothek in München – die auch Kellers
grossformatiges Hauptwerk beisteuert, das legendäre «Auferweckungs-
bild» von 1886 –, sowie aus privaten Sammlungen. Gut 130 ihres
exemplarischen Charakters wegen ausgewählte Bilder aus einer
Zeitspanne von rund fünfzig Jahren werden das ganze Spektrum der
Kunst Albert von Kellers aufzeigen.
Akt am Strand
1874, Öl auf Holz,
22,5 x 49,5 cm,
Kunsthaus Zürich,
Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller