Frau und Salon verschmelzen in Kellers frühen Gemälden zu einem
Bild bürgerlicher Weiblichkeit. Um 1871 entstanden, zeigt
Traurige Nachricht die zeitgenössische Dame in der Gegenwart ihres
Salons. Wie eine Odaliske auf zahlreichen in jenen Tagen entstan-
denen, sinnliche Genüsse umspielende Orient-Evokationen, liegt eine
grossstädtisch-elegante Dame auf dem Sofa. Von glücklicheren
Tagen, vielleicht von Liebesschwüren und ewiger Treue kündet ein
Bündel Korrespondenz auf dem Teppich mit reichem Blumendekor.
Leise scheint ein Seufzer im Raum zu verhallen: «So ist das Leben».
      1882–83 lebten Albert von Keller und seine Frau Irene zum Teil
in Paris, unweit der 1875 eröffneten Oper, dem legendären Palais
Garnier. – Es ist für Keller charakteristisch, dass er in seine Genrebilder
Portraits einbaut; andererseits eignet gerade seinen Genrebildern eine
eigentümliche Stilllebenästhetik. In mehreren Werkgruppen huldigt
Keller seiner Liebe der Mannigfaltigkeit. So sind die beiden 1883 in Paris
gemalten Bilder mit Milli Beckmann leicht orientalisierende Variationen
zum Thema «Frau auf Sofa»: Jedes der Bilder ist Träger einer anderen
farbigen, formalen und dekorativen Idee. Milli Beckmann mit Tochter
reflektiert, in erster Linie auch farblich, die vorgefundene Situation, die
in Pariserin auf Ottomane in ein anderes Format überführt und vom
Abbild zum Bild wird. Die Bildfläche wird gleichsam zum ornamentalen
Muster, betont noch durch die Vorführung von partienweise impressio-
nistisch inspirierter peinture pure. Die Protagonistin wird von einer
deutschen Bekannten des Malers in die Rolle einer fiktiven französischen
Romanfigur versetzt; die blaugrünliche Wand wird zum fond rouge,
der virtuos in Szene gesetzte Schirm zum rosa parapluie.
      Ein Thema von Kellers 1891 gemaltem Das Bilderbuch ist das
Sehen, das vom liebevollen mütterlichen Blicken, bis hin zum Betrachten
von Bildern in einem Buch mannigfach reflektiert wird. Einblick wird
gewährt in eine Szene behaglichen privaten Glücks, die, in dem sie auf
Ausstellungen gezeigt wird, als Wunsch- oder Vorbild öffentliche
Bedeutung erlangt. Die behagliche Gemütlichkeit scheint ins Bedrohende
umzukippen. Spielformen zeitgenössischen Lebensgefühls verleiht
Albert von Keller in seinem Diner von 1891 Gegenwart.
      Als Bravourstück zwischen Tradition und Aufbruch kann das um
1896 in offensichtlichem Bestreben, ein repräsentatives Meisterwerk zu
kreieren gemalte Bildnis von Alexandra Feodorowna, der letzten Zarin
gelten: Es dürfte sich um ihr schönstes Portrait handeln, ein Werk wie
geschaffen zur Imagepflege sowohl der Dargestellten als des Malers,
der sich damit der Münchner Damenwelt empfohlen haben dürfte.


Traurige Nachricht um 1871,
Öl auf Leinwand,
62,5 x 53,5 cm,
Kunsthaus Zürich,
Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller

Milli Beckmann
mit Tochter

Paris, 1883,
Öl auf Holz,
23,5 x 37,5 cm,
Kunsthaus Zürich,
Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller

Milli Beckmann
Paris (Pariserin auf Ottomane),
1883, Öl auf Holz,
32,5 x 27,5 cm,
Kunsthaus Zürich,
Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller

Das Bilderbuch
1891, Öl auf
Lindenholz,
69,5 x 87 cm,
Kunstmuseum Basel,
Foto: Kunstmuseum Basel,
Martin P. Bühler

Diner
1891, Öl auf Holz,
42,5 x 82 cm,
Kunsthaus Zürich,
Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller


Zarin Alexandra
Feodorowna

um 1896,
Öl auf Leinwand,
121,5 x 86,5 cm,
Kunsthaus Zürich,
Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller
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