Im Neuen Testament wird berichtet, wie Christus die verstorbene
Tochter von Jairus ins Leben zurückholt. Aus dem biblischen Sujet hat
Keller mit seinem Werk
Die Erweckung der Tochter des Jairus von
1886 das zentrale «moderne» Historienthema seines Oeuvres gemacht.
Als hätte er versucht, der Kunst neue Zeiträume zu erschliessen,
erweist sich Keller in der «Erweckung» als Ergründer tiefer liegender
seelischer Schichten. Christus erscheint gleichsam als Magnetiseur,
der sein Medium aus der Hypnose holt. Für die Figur der Tochter Jairi
hat Keller eingehend Studien gemacht, nach lebenden Modellen und
nach Leichen. Keller malte «Wunder» zu einer Zeit, als diese bereits
in einen bis heute andauernden Entzauberungsprozess geraten
waren. Wie er im Bereich des Gesellschaftlichen auf der Suche nach
Exklusivität war, reizte ihn hier das Exzeptionelle. Er analysiert
mirakulöse Ereignisse im Spannungsfeld von überliefertem religiösen
Gedankengut und säkularisiertem Wissensdrang. Das «Erweckungs»-
Bild besticht durch differenzierte Menschenbeobachtung. Mit fesselnder
Mannigfaltigkeit hat Keller sowohl die Gestalten als die Gefühle der
umstehenden Augenzeugen des wunderbaren Ereignisses geschildert.
Albert von Keller hat sich zu einer Art Künstlermedium stilisiert
und die Legende genährt, er habe einige seiner Gemälde im unbewus-
sten Zustand der Trance geschaffen. Der Maler habe sich nach
eigener Aussage «vielfach als passives Instrument zur Vollziehung
eines künstlerischen Schöpfungsaktes» betrachtet. In der Entstehung
des Kunstwerks sah Keller «ein ebenso grosses Wunder, wie in der
Entstehung des Menschen, und in dem Wonnegefühl, das die künstlerische
Produktion, die Vollziehung des Schöpfungsaktes, die Fähigkeit, aus
nichts etwas zu machen, begleitet, den stärksten Antrieb zum künstler-
ischen Schaffen». Als «Malerpsychologe und Metapsychiker», wie ihn
sein Freund, der Arzt und Parapsychologe Albert von Schrenck-Notzing
bezeichnet hat, repräsentiert Albert von Keller die letzte Generation
vor Sigmund Freud und der Psychoanalyse.
Lily disgeistes, ein anonym gebliebenes Medium, ist die bis heute
enigmatischste Figur in Kellers Oeuvre; Keller hat sie 1895 gemalt.
In diesem Gesicht verdichten sich wesentliche Züge von Kellers Figuren:
Blass, nervös, sensibel, leicht erregt. Kellers Sympathie zum somnambu-
len Wesen des Modells ist offensichtlich. Es dürfte eine jener Figuren aus
seinem Repertoire sein, in der sich seine eigene Seele spiegeln mochte.
Zu Beginn des 20. Jahrhundert erregte die
Traumtänzerin
Madeleine Guipet grosses Aufsehen; expressionistische Strömungen
vorwegnehmend, hat sie Albert von Keller mehrmals gemalt.
Offensichtlich ging es ihm darum, die Faszination, die das Phänomen
Traum- und Ausdruckstanz hervorrief, in seine Bilder zu übertragen,
und beim Betrachter eine Wiederholung derselben Begeisterung
hervorzurufen.