Ein symbolistisches Gemälde ersten Ranges und zugleich ein Hauptwerk
Albert von Kellers ist Im Mondschein von 1894. Vom Licht und Dunkel
des Begehrens handelt das Bild. Die Frau wird zu einem ästhetischen
Wesen erhöht und dem Betrachter zur Adoration empfohlen. Weniger um
die Dämonisierung der Frau geht es, als um deren erotische Aurati-
sierung. Mit «Im Mondschein» hat Keller ein Werk geschaffen, das manch
anderes Kreuzbild in den Schatten stellt. Es kann als Spiel mit Zeichen
gedeutet werden, das in verschiedene Richtungen Signale sendet, als
eine komplexe Kombination von Verweissystemen. In der gegenwärtigen
Kunsttheorie fiele in einem solchen Fall der Begriff «Diskursmaschinerie».
Eigentliches Thema sind letztendlich jedoch die Malerei selbst sowie
die Zurschaustellung ihrer Mittel.
      Das Gefühl von Dekadenz in der Gegenwart, führte Keller wie
andere Künstler der Zeit um die Jahrhundertwende von 1900 auf die
Suche nach kulturellen Modellen der Vergangenheit, namentlich der
klassischen Antike. In der Untergangsseherin Kassandra fand diese
Generation eine Figur, in deren Gemütszustand sie sich widerspiegelt
sah: Eine diffuse Ahnung einer sich anbahnenden Katastrophe lag in
Luft. Morbid knisternde Erotik am Vorabend des Ersten Weltkriegs
im Spannungsfeld zwischen Realismus, Symbolismus und Abstraktion
inszeniert Albert von Keller 1912 in seiner faustischen Höllenfahrt,
der Blüte eines moribunden Zeitalters. Das Feuer wird zur Metapher
für laszive Todessucht, verzehrende Leidenschaft und flammende
Liebe. Die Protagonistin dieser malerischen Desintegrations-Etüde
ist eine femme fatale reinster Ausprägung. Eine von Kellers hinreissend-
sten, gleichsam in einen Sog hymnischer Freude ziehenden Bild-
erfindungen ist das 1909 entstandene Gemälde Camilla Eibenschütz
als Myrrhine in «Lysistrata»
. Dem Betrachter wird die Rolle eines sich
in Liebe verzehrenden Mannes zugewiesen. Es ist, als schwinge
pure Lebensfreude mit – la joie de vivre.

Im Mondschein
1894,
Öl auf Leinwand,
150 x 100,5 cm,
Kunsthaus Zürich,
Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller

Im Traum/Kassandra
(Gisela von Wehner), 1911, Öl auf Leinwand,
85,5 x 71 cm,
Kunsthaus Zürich,
Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller

Höllenfahrt
1912,
Öl auf Leinwand,
66,5 x 44,5 cm,
Kunsthaus Zürich, Schenkung aus
dem Nachlass
Dr. Oskar A. Müller

Camilla
Eibenschütz als
Myrrhine in «Lysistrata»

1909,
Öl auf Leinwand,
72,5 x 49 cm,
Privatbesitz
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