Willkommen zu «Miró, Monet, Matisse – The Nahmad Collection». Die mehr als 100 Bilder der Ausstellung gehören nicht einer Person, sondern der Familie Nahmad, die in der zweiten Generation im Kunsthandel weltweit tätig ist. Das Kunsthaus hat in den vergangenen Jahren immer wieder Leihgaben aus dem Besitz der Familie erhalten, zuletzt für die grosse Picasso-Ausstellung zum Hundertjahr-Jubiläum unserer Institution. Vor ungefähr einem Jahr sind wir an die Familie mit dem Vorschlag herangetreten, ob man sich vorstellen könnte, eine repräsentative Auswahl im Kunsthaus zu zeigen. Die Familie hat sich beraten und schliesslich ohne weitere Bedingungen zugestimmt, im Bewusstsein, dass damit ein nie dagewesener Schritt in die Öffentlichkeit getan würde.

Bereits mit einer ersten Auswahl wurde klar, dass wir uns auf einen Zeitraum vom Impressionismus bis zum Ende der Moderne konzentrieren würden. Die Werkliste wurde mehrmals überarbeitet, ergänzt und reduziert, bis etwas mehr als 100
Gemälde und Plastiken als endgültige Auswahl feststanden. Diese Werke bilden gleichsam den Kernbestand des sehr viel umfangreicheren Kunstbesitzes und stellen die Quintessenz aus fünf Jahrzehnten Arbeit mit der Kunst dar. Ohne Mühe lassen sich fünf verschiedene Kunstepochen mit jeweils grossen Werkgruppen zwischen 1870 und 1970 ausmachen. Dabei fällt auf, dass nicht alle Facetten der Kunst in dieser Zeitspanne vorkommen, sondern Schwerpunkte gesetzt sind: Impressionismus, Fauvismus, Kubismus und Abstraktion, Surrealismus, Picasso.

Für die Familie Nahmad, für Sie, liebe Besucherinnen und Besucher, aber auch für das Kunsthaus ist die Ausstellung der Nahmad Collection eine Premiere der besonderen Art. Sicher sind Sie neugierig und sehr gespannt, was Sie erwartet. Eins ist schon sicher: Dies ist eine Weltpremiere. The Nahmad Collection ist nur für kurze Zeit und nur im Kunsthaus Zürich zu sehen. Und die Kunstwerke von Monet, Matisse, Picasso oder Miró müssen Sie «live» erleben.
Auf die Frage, warum wir die Nahmad Collection im Kunsthaus zeigen, gibt es zwei Antworten. Zum einen ist es die ausserordentliche Qualität, die aus der immensen Quantität zutage getreten ist. Die Auswahl ist dabei mehr als eine Blütenlese, denn sie offenbart Vorlieben – für eine bestimmte Epoche der Kunstgeschichte, für einzelne Künstler und gewisse Werke. Es brauchte zweifellos Ausdauer (und die nötigen finanziellen Mittel), um das eine oder andere Werk zu erhalten, das Vorhandene zu bereichern, zu verdichten und die erwähnten Querverbindungen sichtbar zu machen. Es sind also wesentliche Kriterien erfüllt, die eine Ausstellung zum jetzigen Zeitpunkt nahelegen: Die hinreichend grosse Anzahl von Werken von hohem künstlerischen, musealen Rang sowie eine stringente Auswahl, welche die Charakteristika einer Sammlung hervortreten lässt.

Zum anderen wendet sich das Kunsthaus Zürich mit der Erstpräsentation der Nahmad Collection ein weiteres Mal dem privaten Sammeln zu. Jedes unserer Projekte zu diesem Thema stand unter einem anderen Vorzeichen: Die Sammlung Merzbacher (als «Fest der Farbe» im Kunsthaus 2006) ist eine Privatsammlung, die auf einem höchst qualitätvollen Grundstock aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts aufbaute. Die heutige, ausserordentliche Kollektion wurde in den vergangenen vier Jahrzehnten von Werner und Gabrielle Merzbacher geschaffen und zählt weltweit zu den bedeutendsten Privatsammlungen ihrer Art.

Der Unternehmer Emil Georg Bührle, der ursprünglich Kunstgeschichte studiert hatte, baute innerhalb eines Jahrzehnts um die Mitte des 20. Jahrhunderts eine
Sammlung auf, die hohen ästhetischen Ansprüchen gerecht wird wie auch seinen persönlichen Geschmack repräsentiert. Die Sammlung, deren Schwerpunkt bei der französischen Malerei des 19. Jahrhundert liegt, war in den Jahren 1958 und 2010 zu Gast im Kunsthaus. Sie ist zum grösseren Teil heute in der privaten Stiftung Sammlung E. G. Bührle untergebracht, für die in der Kunsthaus-Erweiterung von David Chipperfield eigene Räume geschaffen werden.

Die Sammlung der Kunsthändlerfamilie Nahmad bringt einen anderen Aspekt zum Vorschein. Im 20. Jahrhundert (und fortwirkend bis in die Gegenwart) haben Kunsthändler neben ihren merkantilen Aktivitäten immer wieder gewisse Werke oft über einen sehr langen Zeitraum behalten, die sie trotz zahlungskräftiger Kundschaft nicht veräussert haben. Und mehr noch, sie suchten und fanden oft unter grossem Einsatz und im Lauf der Zeit korrespondierende Werke, sodass stimmige Konvolute entstanden, deren Grösse, Geschlossenheit und künstlerischer Rang es schliesslich schwer machte, sie wieder auseinanderzureissen. Über das wiederkehrende Phänomen des Marchand-Amateur, die Ursachen und die Folgen, gibt eine eigene Dokumentation in der Ausstellung Einblick und Aufschluss. Im Katalog können Sie übrigens ein ausführliches und sehr unterhaltsames Interview mit Helly Nahmad über Handel und Wandel in der Welt der Kunst lesen, über die erbliche Liebe zur Kunst und über die Qual der Wahl, die eigentlich keine ist. Einen ersten Ausschnitt daraus finden Sie bereits hier.
Ein Gespräch mit Helly Nahmad

Wie hat alles angefangen?
Die Geschichte der Brüder Nahmad begann in den frühen 1960er Jahren in Italien. Zu jener Zeit gab es eine sehr lebendige Kunstszene, das Kino erlebte mit Fellini und La dolce vita einen Boom. In Rom wimmelte die Via Veneto bis spät in die Nacht von Schauspielern, Intellektuellen und Paparazzi. Zeitgenössische Künstler wie Lucio Fontana erweiterten die Grenzen der Kreativität, und die heute weltberühmten italienischen Modeschöpfer traten gerade in Erscheinung. Kunstliebhaberei wurde in dieser Kultur hoch geschätzt. Einer der Brüder, Joseph, lebte als Kunstsammler in Mailand.
Die Familie stammte ursprünglich aus Aleppo, wo sie ein angesehenes Bankhaus führte. Sie war sehr fleissig und lebte in einem traditionell jüdischen Umfeld. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings begannen die Spannungen im Nahen Osten. Die politische Lage in Aleppo wurde schwierig, und die Familie zog um nach Beirut, wo Ezra und David 1945 und 1947 geboren wurden. Beirut war eine lebhafte und sehr kosmopolitische Metropole, mit einer bunten Mischung von Kulturen und Religionen. Dort verlebten sie eine glückliche Kindheit. Ihr Vater Hillel war ein extrem fleissiger, fröhlicher Patriarch. Er war eine echte Stütze der Gemeinschaft – bekannt, beliebt und angesehen. Seine Frau Mathilde war eine 100-prozentige Mutter – sie hatte acht Kinder und widmete ihnen ihr gesamtes Leben. Ihre Ansichten waren sehr europäisch. Zusammen boten sie ihren Kindern ein stabiles, arbeitsames Umfeld und vermittelten ihnen viel Selbstvertrauen. Sie kannten ihren Wert und den Wert der Arbeit. Sie wurden dazu ermutigt, ihre Träume zu verfolgen, obwohl ihr Lebensstil in keiner Weise exzessiv war. Ein ausgesprochen bodenständiges Leben, aber in spiritueller Hinsicht sehr reich. Die Familie blieb für einige Jahre in Beirut und zog Mitte der 1950er weiter.

Woher kam die Idee, nach Mailand zu ziehen? Welche Beziehung hatte die Familie zu Italien?
Joseph war schon weggezogen und lebte in Mailand. Die Familie erlitt einen schrecklichen Schicksalsschlag, als der älteste Sohn Albert, der schon als Teenager ausgezogen war und Karriere im Bankgeschäft gemacht hatte, bei einem Flugzeugabsturz in Südamerika starb. Für seine Eltern war das natürlich eine gewaltige Tragödie, herzzerreissend, und so wollten sie – wegen der politischen Situation in Beirut und wegen dieses Unglücks – wegziehen und bei Joseph in Mailand leben.
Damals waren Ezra und David Teenager. Mailand hatte ein sehr dynamisches Kulturleben. Alles erneuerte sich, man hatte Spass, es gab Filme und Glamour und eine lebhafte Kunstszene. Joseph war ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Im Europa der Nachkriegszeit gab es viele Chancen – die moderne Welt, wie wir sie kennen, fing gerade an, Gestalt anzunehmen. Joseph investierte in Immobilien und Import-Export-Geschäfte. Er liebte glamouröse italienische Autos, Häuser und Kunstwerke und lebte in Portofino und Venedig. Er hat nie geheiratet, ein echter
Workaholic. Ganz anders als sein Vater, der konservative Familienmensch, hatte er Freude am Risiko, und so begann er, Kunst zu sammeln. Josephs Vater missbilligte die Kunstsammlung seines Sohnes. Eines Abends wurde während einer Dinnerparty in Josephs Wohnung ein kleines Meisterwerk von Gauguin gestohlen. Als Josephs Vater einige Tage später aus der Zeitung von dem Raub erfuhr, rief er aus, sein Sohn sei nicht während der Party Opfer von Räubern geworden, sondern in dem Moment, als er das Gemälde kaufte!

Was war Josephs Antrieb?
Er liebte die Kunst. In seiner Mailänder Wohnung hatte er Auftragsarbeiten von Lucio Fontana, von Wifredo Lam, einem in Italien lebenden kubanischen Künstler, und von Arnaldo Pomodoro. Er hatte auch Arbeiten von Giorgio de Chirico, mit dem er später einen Vertrag abschloss. Er kannte alle. Er kannte ganz Mailand. Er war sehr gesellig, sehr kontaktfreudig, in gewissem Sinne ein echter Bohemien. Bei ihm waren immer Starlets im Haus, Rita Hayworth und solche Leute! Er hatte Geschmack, und so begann er, ernsthaft Kunst zu sammeln.

Was war mit Ezra und David?
Ezra und David hatten schon als Kinder viel Unternehmergeist. In der Schule kauften und verkauften sie Murmeln und Süssigkeiten, später englische Romane an amerikanische Seeleute, die im Hafen von Beirut stationiert waren. In Mailand gingen sie immer sonntags ins San-Siro-Stadion und verkauften nach den Fussballspielen Trikots und Anstecker der Siegermannschaft. Sie wussten, dass nur die Fans des siegreichen Teams in Kauflaune sein würden! Bis zur Halbzeit schauten sie sich das Spiel immer in einer benachbarten Bar an, dann spekulierten sie, welche Mannschaftstrikots sie schnell drucken lassen mussten! Die Arbeit lag ihnen im Blut. Daran hatten sie Spass, nicht daran, im Garten zu spielen. Im Alter von ungefähr fünfzehn hatten sie angefangen, sich Geld zu leihen und an der italienischen Börse zu investieren. Einmal verbrachten sie mehrere Tage damit, an der Börse zu handeln statt zur Schule zu gehen! So war ihr Charakter. Dieser Geschäftssinn, zusammen mit der Mailänder Kulturszene und der Tatsache, dass ihr älterer Bruder ein passionierter Kunstsammler war, führte dazu, dass sie ein natürliches Interesse am Kunstmarkt entwickelten.

Wie fing ihr Engagement auf dem Kunstmarkt an?
Ezra und David wurden gerade volljährig. Mein Vater, Ezra, gründete als Partner eines italienischen Kunstsammlers eine Galerie namens Galleria Internazionale und arbeitete einige Jahre mit diesem Sammler zusammen. Bald danach stiessen seine beiden Brüder zu ihm. Sie hatten alle eine Leidenschaft für Kunst, und so erschien es ihnen sinnvoll, sich zusammenzuschliessen.

Auszug aus einem Gespräch zwischen Helly Nahmad und Björn Quellenberg
Lesen Sie das vollständige Interview im Katalog und erfahren Sie mehr über die Wurzeln der Familie, ihre Rolle im Kunstbetrieb und wie die Nahmads die Vorbereitungen zur Ausstellung im Kunsthaus erlebten.
Öffentliche Übersichtsführungen
Dienstags 12 Uhr, donnerstags 15 Uhr, freitags 18 Uhr, sonntags 11 Uhr

Schwerpunktführungen (thematisch, vernetzt mit Sammlung)
Mittwochs 18 Uhr, samstags 15 Uhr

Französisch
Samstag 5. November, 11 Uhr

Englisch
Samstag 19. November, 11 Uhr

Private Führungen
für Gruppen von 2 bis 20 Personen – per Wunschdatum und auch in Fremdsprachen – können telefonisch gebucht werden: +41 (0)44 253 84 84 (Mo–Fr 9–12 Uhr) und kosten ab CHF 175.–.
Erwachsene
Paint your own collection
Samstag 12. November, 19. November, 26. November, 14–16 Uhr
Mit Manù Hophan. Teilnehmerbeitrag CHF 30.–

Klänge und Rhythmen, Farben und Formen
Mittwoch 2. November, 18–20 Uhr
Mit Sibylle Burla. Teilnehmerbeitrag CHF 30.–

Picasso, Matisse, Modigliani & Co.
Block à 2 Abende: Mittwoch 16. und 23. November, 18–20 Uhr
Mit Barbara Brandt. Teilnehmerbeitrag CHF 60.–

Vive le surréalisme!
Block à 2 Abende: Mittwoch 7. und 14. Dezember, 18–20 Uhr
Mit Barbara Brandt. Teilnehmerbeitrag CHF 60.–
Kinder ab 6 Jahren
Wie frech – diese Farben und Formen!
Mittwoch 26. Oktober, 7. Dezember, 14–16 Uhr
Mit Barbara Brandt. CHF 15.–, mit Kunstfankarte gratis

Ab 8 Jahren
Kandinsky
Mittwoch 9. November, Samstag 19. November, 14–16 Uhr
Mit Sibylle Burla. CHF 15.–, mit Kunstfankarte gratis

Magische Welt
Mittwoch 30. November, Samstag 10. Dezember, 14–16 Uhr
Mit Sibylle Burla. CHF 15.–, mit Kunstfankarte gratis

Ab 10/14 Jahren
Wild und fantastisch!
Mittwoch 23. November, 14–17 Uhr (ab 10 Jahren)
Samstag 3. Dezember, 14–17 Uhr (ab 14 Jahren)
Mit Barbara Brandt. CHF 20.–, mit Kunstfankarte CHF 10.–

Anmeldung unter 044 253 84 84
Zur Ausstellung erscheint der erste Katalog zur Sammlung der Nahmads (Verlag DuMont, ca. 260 Seiten, 220 Abbildungen). Er enthält kunsthistorische Beiträge von Robert Brown, Lukas Gloor, William Paton und Faith Chisholm. Im Interview mit Helly Nahmad erfährt der Leser mehr über die Geschichte der Familie und wie ihre Sammlung entstanden ist. In zwei Sprachfassungen (d/e) ist der Katalog im Buchhandel und (zu einem Vorzugspreis) im Kunsthaus-Shop erhältlich.
Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1, CH–8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84, www.kunsthaus.ch, info@kunsthaus.ch
Sa/So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do/Fr 10–20 Uhr, montags geschlossen.
24./26./31.12.2011, 1./2. Januar 2012: 10–18 Uhr. 25.12.2011 geschlossen.

Eintritt
inkl. Audioguide d/e/f: CHF 22.–/14.50 reduziert. Gruppen ab 20 Personen CHF 16.50. Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre gratis.
Schulen und Gruppen werden um Voranmeldung gebeten.

Vorverkauf
SBB RailAway-Kombi: Ermässigung auf Anreise und Eintritt: am Bahnhof oder beim Rail Service 0900 300 300 (CHF 1.19/Min. ab Festnetz), www.sbb.ch.

Ticketcorner: www.ticketcorner.com, 0900 800 800 (CHF 1.19/min.). Beschleunigter Eintritt.

Magasins Fnac: Verkaufsstellen CH: Rives, Balexert, Lausanne, Fribourg, Pathé Kino Basel, www.fnac.ch; F: Carrefour, Géant, Magasins U, 0 892 68 36 22 (0.34 €/min), www.fnac.com; BE: www.fnac.be.

Zürich Tourismus: Übernachtung inkl. Eintrittsticket. Tourist Service im Hauptbahnhof, Tel. +41 (0)44 215 40 40, hotel@zuerich.com, www.zuerich.com/nahmad

Zürcher Kunstgesellschaft
Postfach
CH-8024 Zürich

Texte: Christoph Becker, Björn Quellenberg, Tonwelt professional media GmbH, Berlin
Koordination und Redaktion: Kristin Steiner
Layout und technische Realisation: Hesskisssulzersutter

Abdruck mit Quellenangabe erwünscht.
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