Egon Schiele

Jenny Saville

Kunsthaus
Zürich

10.10.–
25.01.2015

Biografie Egon Schiele

Egon Schiele

1890
Egon Leo Adolf Ludwig Schiele wird am 12. Juni in Tulln an der Donau (Niederösterreich) als drittes von insgesamt vier Kindern geboren. Sein Vater ist der Bahnbetriebsamtsvorstand Adolf Eugen Schiele (1850–1905), seine Mutter Marie Schiele, geborene Soukup (1862–1935). Die Ehe und das Familienleben sind durch die unbehandelte Syphilis-Krankheit des Vaters belastet.
1894
Geburt der jüngeren Schwester Gertrude («Gerti»), die in frühen Jahren sein bevorzugtes Modell werden wird.
1905
Tod des Vaters. Das erste Selbstbildnis entsteht, das als Thema den Künstler zeit seines Lebens beschäftigen wird.
1906/07
Schiele, ein schlechter Schüler, besteht im Oktober die Aufnahmeprüfung an der Akademie der Künste in Wien. Bald sucht er die persönliche Bekanntschaft Gustav Klimts (1862–1918), der künstlerisches Vorbild und geistige Vaterfigur wird.
Bezug eines eigenen Ateliers in Wien.
1908
Erste Beteiligung an einer öffentlichen Ausstellung im Kaisersaal des Stifts Klosterneuburg, wo er vor seinem Eintritt in die Akademie das Gymnasium besucht hatte.
1909
Auf Einladung von Gustav Klimt nimmt Schiele mit vier Gemälden, die stilistisch eine Nähe zu Klimt zeigen, an der «Internationalen Kunstschau» in Wien teil. Er lernt Josef Hoffmann (1870–1956) kennen, durch den er wenig später auch mit den Wiener Werkstätten in Verbindung tritt.
Wegen grundsätzlicher, zunehmender Meinungsverschiedenheiten mit seinem konservativen Lehrer für Malerei, Christian Griepenkerl (1938–1916), tritt Schiele aus der Akademie aus. Zusammen mit gleichgesinnten Kollegen gründet er im Sommer die Neukunstgruppe, die einen eigenen österreichischen Farbexpressionismus entwickelt.
Im Dezember findet im Kunstsalon Pisko in Wien die erste Ausstellung der Neukunstgruppe statt. Diese erregt grosse Aufmerksamkeit unter anderem bei dem Kunstkritiker Arthur Roessler (1877–1955) sowie bei den Sammlern Carl Reininghaus (1857–1929) und Oskar Reichel (1869–1941), die Schiele fortan unterstützen werden.
Schiele sucht den Kontakt zu Max Oppenheimer (1885–1954). Es entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Künstlern, die monatelang Seite an Seite arbeiten und sich gegenseitig Modell stehen. Es entstehen erste expressionistische Gedichte in Prosaform.
1910
Schiele löst sich künstlerisch von Klimt und entwickelt einen eigenständigen, ausdrucksstarken Stil, der vielerorts auf Unverständnis stösst.
Der mit Schiele befreundete Theatermaler Erwin Dominik Osen (1891–1970) übt durch seine expressiven Gesten in Tanz und Theater Einfluss auf das Werk Egon Schieles aus.
1911
Mit dem Aufsatz «Egon Schiele – Versuch einer Vorrede» von Albert Paris von Gütersloh (1887–1973), einem ehemaligen Weggefährten von der Akademie, erscheint im Verlag Brüder Rosenbaum die erste selbstständige Publikation über Schiele.
Die Galerie Miethke in Wien präsentiert von April bis Mai die erste grössere Einzelausstellung, der allerdings nur mässiger Erfolg beschieden ist. Über Roessler lernt Schiele den Münchner Kunsthändler Hans Goltz (1873–1927) kennen, der ihn mehrere Jahre in Deutschland vertreten und ihm weitere Ausstellungen vermitteln wird.
Schiele lernt – vermutlich über Klimt – das Modell Walburga («Wally») Neuzil (1894–1917) kennen und zieht mit ihr ins südböhmische Krumau, der Geburtsstadt seiner Mutter. Es beginnt eine produktive künstlerische Periode, der freie Lebenswandel des Paares ruft jedoch Widerstand in der Bevölkerung hervor. Schiele übersiedelt mit Wally nach Neulengbach westlich von Wien.
1912
Gegen Schiele wird wegen angeblicher Verführung einer Minderjährigen Anklage erhoben, die sich als haltlos herausstellt. Wegen Verbreitung unsittlicher Zeichnungen wird er jedoch zu einem dreitägigen Arrest verurteilt, nachdem er 21 Tage lang in Untersuchungshaft verbracht hatte, und über 100 als obszön empfundene Zeichnungen werden beschlagnahmt. Nach diesem traumatischen Vorfall, der eine äusserst produktive Phase beendet, zieht er mit Wally wieder nach Wien, beteiligt sich an wichtigen Ausstellungen und unternimmt Reisen nach Kärnten und Triest, nach München, Lindau, Bregenz. Ob ein kurzer Besuch in Zürich stattgefunden hat, ist bisher nicht belegt.
Das Folkwang- Museum in Hagen erwirbt das Gemälde «Tote Stadt» (1912), und tätigt damit den ersten Ankauf durch eine öffentliche Sammlung. Das Gemälde befindet sich heute in der Sammlung des Kunsthaus Zürich.
1913
Der Bund Österreichischer Künstler ernennt Schiele unter dem Präsidium von Gustav Klimt zum Mitglied.
Teilnahme an der Frühlingsausstellung der Münchner Secession, Ausstellungen mit Werken von ihm folgen in München in der Galerie Goltz, in Berlin und in Düsseldorf («Grosse deutsche Kunstausstellung») sowie in Wien («Internationale Schwarz-Weiss-Ausstellung» und «XLIII. Ausstellung der Wiener Secession»).
Wieder ist Schiele unterwegs – in der Wachau, in Krumau, München, Villach und Tarvis. Er wird Mitarbeiter der Berliner Zeitschrift «Die Aktion» und publiziert dort Zeichnungen und Prosagedichte. Die Nummer 35/36 des Jahres 1916 ist vollständig ihm gewidmet.
1914
Mit Ausstellungsteilnahmen in Rom, Brüssel und Paris kann sich Schiele zum ersten Mal ausserhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie und Deutschlands präsentieren, erlangt jedoch lediglich Achtungserfolge.
Im März und April lässt er sich vom Maler und Grafiker Robert Philippi (1877–1959) in der Kunst des Holzschneidens und Radierens unterweisen, mit den Fotografen Anton Josef Trčka (1893–1940) und Johannes Fischer (1880–1955) schafft er eine Reihe von eigenwilligen Porträtaufnahmen, die als eine erweiterte Form seiner Selbstbildnisse verstanden werden können.
1915
Zu Beginn des Jahres stellt die Wiener Galerie Guido Arnot eine beachtenswerte Auswahl von 16 Gemälden sowie Aquarellen und Zeichnungen aus. Das Kunsthaus Zürich zeigt in einer Gruppenausstellung Aquarelle und Zeichnungen, nachdem Direktor Wilhelm Wartmanns ursprüngliche Idee einer Einzelausstellung gescheitert war.
Am 17. Juni heiratet Schiele in einer Kriegstrauung Edith Harms (1893–1918), die er ein Jahr zuvor in Wien kennengelernt hat. Vier Tage später wird er zum Militärdienst nach Prag verpflichtet.
1916
Im Januar / Februar kann Schiele an der Wiener Kunstschau in der Berliner Secession teilnehmen, was für ihn äusserst wichtig ist. Er schickt neben Arbeiten auf Papier die Gemälde «Entschwebung», «Tod und Mädchen» und «Mutter mit zwei Kindern III».
1917
Im Januar Rückkehr nach Wien. Schiele kann sich an der «Kriegsausstellung» in Wien wie auch an der «Münchner Secession» und an Ausstellungen in Amsterdam, Kopenhagen und Stockholm beteiligen.
In der Buchhandlung Richard Lányi erscheint erstmals eine Mappe mit originalgrossen Lichtdrucken nach Zeichnungen und Aquarellen Schieles, die zu einem grösseren Bekanntheitsgrad führen.
1918
Mit der Präsentation seiner Werke im Hauptsaal der Wiener Secession im März findet die für Schiele bislang wichtigste Ausstellung statt, die ihm künstlerisch wie materiell den ersten bedeutenden Erfolg bringt. Es folgen Aufträge für Porträts, Illustrationen in Zeitschriften, Drucke und sogar Bühnenbilder.
Im Frühjahr wird er ins K.-u.-k.-Heeresmuseum versetzt, wo er neben dem Dienst wesentlich mehr Zeit für seine künstlerische Arbeit hat.
Im Kunsthaus Zürich findet von Mai bis Juni die erfolgreiche Ausstellung «Ein Jahrhundert Wiener Malerei» mit vier Gemälden und zahlreichen Arbeiten auf Papier Schieles statt. Egon Schiele hatte vergeblich versucht, die 49. Ausstellung der Wiener Secession nach Zürich zu bringen.
Der finanzielle Erfolg erlaubt es ihm, ein zweites, grösseres Atelier zu mieten. Im alten Atelier plant er, eine Kunstschule zu gründen.
Im Oktober erkrankt Edith, im sechsten Monat schwanger, an der Spanischen Grippe und stirbt am 28. Oktober. Schiele, der sich ansteckt, verstirbt drei Tage später, am 31. Oktober 1918, im Alter von nur 28 Jahren.
Biografie Jenny Saville

Jenny Saville

1970
Jenny Saville wird in Cambridge, England, geboren. Schon früh räumt ihre Mutter einen begehbaren Schrank frei, der zu ihrem ersten künstlerischen Rückzugsort wird.
1987/88
Im Sommer Reisen durch Europa, die Türkei und Syrien.
1988–1992
Besuch der Glasgow School of Art.
1989
Erste öffentliche Präsentation von Werken in der Ausstellung «Self Portraits» in der Burrell Collection, Glasgow. Ihre Werke werden in der Ausstellung «British Portrait Competition» in der National Portrait Gallery in London gezeigt. Jenny Saville erhält von der Royal Academy den British Institute Award for Painting.
1990
Beteiligt sich an der Ausstellung «Contemporary ’90» im Royal Collage of Art, an der unter anderem Peter Doig und Cecily Brown teilnehmen. Auszeichnung mit dem Lord Provost Prize for Contemporary Art, Glasgow. Saville lernt David Sylvester kennen, mit dem sich ein reger Diskurs über Kunst entfaltet, der zu gemeinsamen Ausstellungsbesuchen führt. Das Sammlerpaar Susan Kasen Summer und Robert D. Summer lädt sie als Artist in Residence für zunächst sechs, dann neun Monate ins ländliche Connecticut ein. Während dieses Aufenthalts beginnt sie sich mit plastischer Chirurgie zu beschäftigen und kann bei Schönheitsoperationen, durchgeführt von Barry Martin Weintraub, zuschauen. Sie experimentiert mit ihrem Körper, den sie gegen Plexiglas gepresst fotografiert. Während eines Fotoshootings für die «British Vogue» begegnet sie dem berühmten englischen Modefotografen Glen Luchford. Die beiden beschliessen, zusammen an diesen fotografischen Experimenten weiterzuarbeiten. Ende 1995 bezieht sie ein Atelier in der Wharf Road, London, und arbeitet dort und in New York. Der Dokumentarfilm «Flesh & Blood» von Nicola Black kommt heraus.
1991
Saville erhält ein Stipendium an der Cincinnati University in Ohio, wo sie in Vorlesungen zu Women’s Studies ihr Interesse an diesen Themen vertieft. Gleichzeitig nimmt sie an einem Diskussionsforum zur aktuellen Stellung der Malerei in der Kunst teil und zieht zeitweilig in Betracht, diese Gattung hinter sich zu lassen, um sich vermehrt mit Fotografie und Installation zu beschäftigen, was sie später jedoch wieder verwirft.
1992
Es folgen die Auszeichnungen mit der Newberry Medal und dem Elizabeth Greenshields Foundation Award. Clare Henry integriert Werke von ihr in der Ausstellung «Critic’s Choice» in der Cooling Gallery in London, wo Charles Saatchi das Gemälde «Branded» sieht. Das Werk «Propped» wird auf dem Cover von «The Times Saturday Review» abgebildet. Saatchi beginnt, die bereits verkauften Werke aus ihrer Ausstellung zum Diplomabschluss im grossen Stil rückzukaufen und bietet ihr einen Vertrag über anderthalb Jahre an. Zudem wird eine Werkgruppe in Auftrag gegeben, die später in seiner Galerie gezeigt wird.
1993
Der Elizabeth Greenshields Foundation Award wird ihr zum zweiten Mal verliehen.
1994/95
Die Ausstellung «Young British Artists III» wird in der Saatchi Gallery in London eröffnet. Es ist die erste Gruppenausstellung, in der Jenny Saville mit einem Werk vertreten ist. Ihr Vertrag mit Saatchi wird um drei Jahre verlängert. Sie wird von der Kult-Band «Manic Street Preachers» kontaktiert, die das Gemälde «Strategy», 1993/94, auf dem Cover ihres neuen Albums «The Holy Bible» abbilden. Sie beginnt an den Gemälden «Shift» und «Hybrid» für die Ausstellung «Sensation» zu arbeiten, sowie an «Hyphen», «Fulcrum» und «Ruben’s Flap», die drei Jahre später in der «Territories»-Ausstellung in der Gagosian Gallery, New York, gezeigt werden.
1996
Das gemeinsame Projekt wird unter dem Titel «Jenny Saville and Glen Luchford: A Collaboration» in der Pace MacGill Gallery in New York präsentiert. Rückkehr nach London, wo sie sich am Hunterian Museum weiter mit Anatomie beschäftigt und am Royal College of Surgeons operativen Eingriffen beiwohnt. Das Archiv eines pensionierten plastischen Chirurgen wird ihr geschenkweise überlassen.
1997
In der Royal Academy in London findet unter dem Titel «Sensation» eine legendäre und kontroverse Ausstellung der Sammlung von Charles Saatchi statt, die Werke von Jenny Saville zusammen mit Arbeiten von Damien Hirst, Chris Ofili, Tracey Emin und anderen «Young British Artists» zeigt. Auf der Eröffnung lernt Saville Larry Gagosian kennen, der sie einlädt, ihre Werke in New York zu zeigen. Die Gagosian Gallery übernimmt ihre exklusive Vertretung. Die Ausstellung «Sensation» reist weiter in den Hamburger Bahnhof, Berlin.
1998
Savilles fotografische «Closed Contact»-Serie wird im Dokumentarfilm «Vile Bodies» gezeigt, in dem weitere zeitgenössische Fotografen wie Sally Mann, Andres Serrano, John Coplans und Joel-Peter Witkin vorgestellt werden. Die Serie regt zur Ausstellung «The Ugly Show» im Bracknell Arts Center in Leeds an, in der auch Fotografien von Saville zu sehen sind.
1999
Die Ausstellung «Sensation» wird im Brooklyn Museum in New York gezeigt. Die erste Einzelausstellung Savilles in den USA, «Jenny Saville: Territories», wird in derselben Woche in der Gagosian Gallery in New York eröffnet, wo unter anderem die Gemälde «Fulcrum, «Ruben’s Flap» und «Hyphen» ausgestellt sind. Saville erhält den U.S. Art Critic’s Prize for the Best Show in a Commercial Gallery.
2000
Die Gagosian Gallery, Los Angeles, zeigt die komplette Serie der «Closed Contact Photographs». Die Gemälde «Fulcrum», «Hyphen» und «Host» sind in der Ausstellung «Ant Noises» in der Saatchi Gallery, London, zu sehen.
2003
Im Frühjahr eröffnet die Ausstellung «Migrants» in der Gagosian Gallery in Chelsea, New York. Im Juni beteiligt sie sich an der Ausstellung «Pittura 1964–2003. Da Rauschenberg a Murakami» im Museo Correr anlässlich der 50. Biennale in Venedig. Saville lebt alternierend in London und Palermo, wo Werke wie «Stare», «Red Stare Head IV», «Red Stare Collage» und «Rosetta II» entstehen.
2005
Erste Einzelausstellung Savilles in einem Museum im MACRO – Museo d’Arte Contemporanea in Rom.
2006
Die Ausstellung «Damien Hirst, David Salle, Jenny Saville. The Bilotti Chapel» wird im Museo Carlo Bilotti, Aranciera di Villa Borghese in Rom gezeigt.
2007
Geburt ihres Sohnes. Saville wird als jüngstes Mitglied in die Royal Academy aufgenommen. Das Kunstmuseum Luzern präsentiert eine Ausstellung zum Thema Körper mit Werken von Berlinde De Bruyckere, Jenny Saville und Dan Flavin.
2008
Geburt ihrer Tochter.
2009
Rückkehr nach England. Wählt Oxford als Lebens und Arbeitsort. Beginn der «Reproduction Drawings», die Bezug auf den Karton Leonardo da Vincis «Madonna mit Kind», hl. Anna und Johannes der Täufer» in der National Gallery, London, nehmen.
2010
Erste Einzelausstellung in London in der Gagosian Gallery mit den 2009 entstandenen grossformatigen Papierarbeiten zum Thema Mutterschaft.
2011/12
Die Einzelausstellung «Continuum» wird in der Gagosian Gallery, New York, eröffnet. Das Norton Museum of Art in West Palm Beach, Florida, richtet Jenny Savilles erste amerikanische Museumsausstellung aus, die anschliessend im Modern Art Oxford zu sehen ist. Parallel dazu werden zwei Werke im Ashmolean Museum of Art and Archaeology in der Renaissance-Sammlung ausgestellt.
2014
«Jenny Saville Oxyrhynchus» wird mit neuesten Werken in der Gagosian Gallery London eröffnet. Das Kunsthaus Zürich stellt Egon Schiele und Jenny Saville in einen visuellen Dialog.

Ausstellung

Als erstes Museum zeigt das Kunsthaus Zürich das Werk Egon Schieles (1890–1918) zusammen mit Arbeiten der zeitgenössischen britischen Malerin Jenny Saville (*1970). In der zeitlichen Distanz von einem Jahrhundert entfaltet sich ein spannungsvoller Dialog zwischen zwei malerischen Positionen, die sich intensiv mit der Körperlichkeit befassen. Die Ausstellung umfasst über 100 Gemälde und Zeichnungen.

Wurde in früheren Ausstellungen Egon Schiele zumeist im historischen Kontext gezeigt, geht es hier um die Annäherung an und die Abgrenzung gegenüber einer zeitgenössischen Position. Schieles Werk gibt eine lose chronologische Abfolge vor. Savilles Gemälde treten vereinzelt, manchmal in kleineren Werk- oder Motivgruppen hinzu. Die Autonomie beider Positionen bleibt jedoch sichtbar. Mit einer grosszügigen Hängung der extrem unterschiedlichen Formate und dem Verzicht auf das Arrangement expliziter Bildpaare, fordert Kurator Oliver Wick die Wahrnehmung des Betrachters.

«Verkörperlichung» der Malerei

Dem Besucher springt die ungeschönte Körperlichkeit ins Auge, die künstlerisch derart explizit ausgeleuchtet wird, dass sich beim Betrachten nicht selten ein Gefühl von Scheu, manchmal auch regelrechter physischer Befangenheit einstellt. Oftmals wird die übersteigerte Leiblichkeit, bei Saville üppiges Fleisch, bei Schiele hagere Versehrtheit, mit der Erfahrung des eigenen Körpers und in Kombination mit dem Selbstbild zum Ausdruck gebracht. Schiele kehrt in seinem knapp ein Jahrzehnt umfassenden Werk immer wieder zum Selbst- und Aktselbstbildnis zurück. Auch Saville, deren Gemälde bisher fast immer den weiblichen Körper zum Thema haben, arbeitet mit Modellen und dem eigenen Körper. Ihr Schaffensprozess bedient sich aber einer übertragenen Form. Sie malt nicht live vor einem Modell, sondern nach zuvor gemachten Fotografien, die zusammen mit vielen anderen Bildquellen den Ausgangspunkt bilden. Diese Inszenierung des Körperlichen, bei Schiele durch Pose und Mimik noch gesteigert, zeichnet sich bei beiden Künstlern durch extrem gewählte Blickwinkel, meist eine pointierte Untersicht, und eine gewollte «Ortlosigkeit» aus. Demonstrativ werden Sehkonventionen hinterfragt. Die Darstellung von Leiblichkeit und Geschlecht erfolgt in ungeschönter Direktheit. Trotz des expressiven Eindrucks ist es keine spontane Selbstentäusserung, sondern minutiös geplante Malerei, die sich bei Schiele in einer gezielten Ansprache des Betrachters äussert, die durch Blickinszenierung und übersteigerte Selbstdarstellung erreicht wird.

Saville bedient sich ähnlich appellativer Strategien, im Unterschied zu Schiele vor allem auch des Grossformats, mit dem der Betrachter überwältigt wird. Ihr geht es um eine Malerei, in der sich die Farbe wie das Fleisch verhält und das Gefühl des Körperlichen in Materialität und Taktilität übersetzt wird – eine «Verkörperlichung» der Malerei. Obwohl auch Schiele eine präzis durchmodellierte, geradezu plastisch aufgebaute Farbgebung anwendet, bleiben es bei ihm doch die Linie und die Kontur, die sein Bilddenken leiten. Gemeinsam ist den Bildern Schieles und Savilles, dass sie sich durch eine hermetische Abgeschlossenheit auszeichnen, die narrativen Inhalt vermeidet und so die Unausweichlichkeit des Körperlichen selbst betont.

Berühmte Meisterwerke und eine neue Arbeit

Jenny Savilles Gemälde sind als Prozess zu begreifen, der das Medium Malerei an seine Grenzen treibt und deren vielschichtige Quellen in Reaktion auf das Malen immer wieder umgeformt werden. Somit fangen sie den Zustand eines Werdenden ein, der über das Menschliche hinaus Malerei an sich abbildet. Auch ein neues Werk ist von der Absolventin der Glasgow School of Art, die nach einer Einzelausstellung in der Saatchi Gallery 1994 den internationalen Durchbruch erlangte, zu sehen. Insgesamt werden 16 ihrer Gemälde und einige grossformatige Studies, die sich mit Textur und Materialität befassen, neben Schiele Platz finden. Dessen 35 Gemälde und 55 Arbeiten auf Papier entfalten im kleinen Format eine Wirkung, die Savilles Grossformaten in nichts nachsteht. In ausgewählten Themengruppen lassen sie eine künstlerische Intensität zu Tage treten, die vor dem Extremen nicht zurückschreckt.

Selten ausgeliehene Werke

Für die Ausstellung konnten selten verliehene Leihgaben gewonnen werden. Das Leopold Museum in Wien hat ausnahmsweise der Ausleihe des Bildpaares «Selbstbildnis mit Lampionfrüchten» und dem zugehörigen «Bildnis Wally Neuzil» – Schieles langjähriger Lebensgefährtin – zugestimmt. Und dem ausserordentlichen Entgegenkommen des Belvedere, Wien, ist es zu verdanken, dass Schieles Hauptwerk «Tod und Mädchen» erstmals seit über 25 Jahren ins Ausland reisen darf. Die Werke Savilles stammen aus Privatsammlungen in Europa und den USA.

Schiele und Zürich

Erstmals werden anhand von Dokumenten aus dem Museumsarchiv die engen Bezugspunkte von Egon Schiele zum Kunsthaus Zürich beleuchtet. Der damalige Direktor Wilhelm Wartmann versuchte 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, eine Einzelausstellung zu organisieren, die die erste grosse Museumsausstellung für Schiele geworden wäre. Schiele trat damals als Künstler-Kurator in Erscheinung, der sich mit grossem Engagement für die junge Kunst seiner Zeit einsetzte, für das «Extremste», und getragen war vom Gedanken «Menschen sehend zu machen.» Seine erhaltenen Briefe und weiteres Quellenmaterial erlauben der Forschung bisher unbekannte Aufschlüsse.

Unterstützt durch den Kunstversicherer Nationale Suisse, weitere Gönner und den Farbsponsor Farrow & Ball.

Katalog

Einband

Dank der generösen Unterstützung der Nationale Suisse erscheint auch der Katalog in besonders grosszügigem Format. Im Tafelband wird die visuelle Kraft der Gegenüberstellung von Egon Schiele und Jenny Saville auch in Buchform erlebbar. Das Buch enthält Beiträge von Oskar Bätschmann, Maria Becker, Martin Harrison, Diethard Leopold, Helena Pereña, Franz Smola und Oliver Wick. Es erscheint in einer deutschen und einer englischen Ausgabe bei Hatje Cantz, gebunden, 29,7 x 40 cm, 176 Seiten mit rund 160 Abbildungen, und ist im Kunsthaus-Shop oder im Buchhandel (ISBN 978-3-906574-94-3) erhältlich.

Impressum

Zürcher Kunstgesellschaft
Postfach
CH-8024 Zürich

Texte: Oliver Wick
Redaktion: Kristin Steiner, Esther Braun
Layout und technische Realisation: Crafft Kommunikation AG

Abdruck mit Quellenangabe erwünscht.
© Kunsthaus Zürich 2014

Vermittlung

Audioguide

Den Besuchern steht gratis ein Audioguide auf Deutsch, Englisch und Französisch zur Verfügung mit Erläuterungen zu ausgewählten Werken.

Führungen

Öffentliche Führungen finden mittwochs 18 Uhr, freitags 15 Uhr und sonntags 11 Uhr statt.
Führungen auf Englisch: Samstag, 1. November und Sonntag, 23. November, 13 Uhr. Auf Französisch: Samstag, 13. Dezember, 13 Uhr.
Private Führungen (auch in Fremdsprachen) organisieren wir gerne auf Anfrage: +41 (0)44 253 84 84 (Mo–Fr 9–12 Uhr).

Veranstaltungen

Im Keller: ein Gespräch

Zwischen Regisseur Ulrich Seidl und Philosoph Herbert Lachmayer, moderiert von Cathérine Hug, Kunsthaus Zürich. Musikalische Begleitung durch Saadet Türköz.
Im Anschluss Buchpräsentation «Ulrich Seidl. Im Keller» mit einem kleinen Imbiss aus Österreich.
Mittwoch, 26. November, 19 Uhr im grossen Vortragssaal
Mit Ausstellungsticket gratis, ohne Ticket CHF 10.-

Ulrich Seidl, der Menschenbeobachter und Raumvermesser, kehrt mit dem filmischen Essay «Im Keller» zur dokumentarischen Form zurück. Für das gleichnamige Buch hat Seidl ausgewählte Bilder aus dem Film festgehalten, die ihre eigenen Geschichten erzählen. «Im Keller» ist eine Nachtmeerfahrt durch das Souterrain der österreichischen Seelen: Es geht um Blasmusik und Opernarien, teure Möbel und billige Herrenwitze, Fitness und Sexualität, Schussbereitschaft und Faschismus, um die Liebe und die Sehnsucht danach. Der Streifzug durch die Kellerlandschaft wird vom wie Seidl in Wien ansässigen Philosophen Herbert Lachmayer kommentiert und von Kunsthaus-Kuratorin Cathérine Hug moderiert.

Konzert

Wien war um 1900 ein Zentrum der Avantgarde in Kunst, Literatur und Musik. Arnold Schönberg, der selber auch malte, revolutionierte mit seinen Schülern Anton Webern und Alban Berg die abendländische Musik, doch seine Walzer stehen in der Wiener Walzertradition.

Am Sonntag, 30. November um 11 Uhr gastiert das Zürcher Kammer­orchester im Kunsthaus. Tickets unter www.zko.ch.

Informationen

Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1, CH–8001 Zürich,
Tel.: +41 (0)44 253 84 84, info@kunsthaus.ch, www.kunsthaus.ch

Offen

Fr-So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do 10–20 Uhr, montags geschlossen.
Feiertage siehe www.kunsthaus.ch

Eintritt inkl. Audioguide d/e/f
CHF 22.-/17.- reduziert und Gruppen ab 20 Personen.
Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre gratis.

Vorverkauf

SBB RailAway-Kombi: Ermässigung auf Anreise und Eintritt am Bahnhof oder beim Rail Service 0900 300 300 (CHF 1.19/Min. ab Festnetz), www.sbb.ch/kunsthaus-zuerich.

Zürich Tourismus: Hotelzimmer-Buchung und Ticketverkauf.
Tourist Service im Hauptbahnhof, Tel. +41 44 215 40 00, hotel@zuerich.com, www.zuerich.com.

Magasins Fnac: Verkaufsstellen CH: Rive, Balexert, Lausanne, Fribourg, Pathé Kino Basel, www.fnac.ch; F: Carrefour, Géant, Magasins U,
0 892 68 36 22 (0.34 €/min), www.fnac.com; BE: www.fnac.be.

Essen und Trinken

Kunsthaus Restaurant, www.kunsthausrestaurant.ch,
Tel.: +41 (0)44 251 53 53, auch Reservierungen für Gruppen möglich.