Mit rund 130 Werken umfasst die Ausstellung sämtliche von Richter zum Thema Landschaft verwendeten Medien von Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Fotografie bis hin zu Plastiken und Künstlerbüchern.

Vertraute und neue Einblicke

Eintritt

CHF 23.–/18.– (ermässigt und Gruppen)
Freier Eintritt für Mitglieder sowie Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre. Tipp: Mittwochs Ermässigung für Senioren (AHV)

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Hinweis für Gruppen

Wir freuen uns, Sie willkommen zu heissen! Aus organisatorischen Gründen ist eine Voranmeldung erforderlich. info@kunsthaus.ch, +41 44 253 84 84

Informationen zum Schutzkonzept finden Sie unter «Nützliche Informationen rund um Ihren Besuch»

HYGIENE & SCHUTZ

Mit Gerhard Richter wird im Kunsthaus Zürich einer der be­deutendsten zeitgenössischen deutschen Künstler gefeiert. Es ist die erste Einzelausstellung im Kunsthaus und sie widmet sich einer zentralen Bildgattung seines Schaffens, der Landschaftsmalerei. Zu sehen sind 130 Arbeiten, die meisten davon erstmals in der Schweiz oder nach Jahrzehnten wieder öffentlich, wie das «Stadtbild PX» (1968), spektakuläre «Seestücke» aus Berlin und Bilbao und das energiegeladene «Dschungelbild» (1971) aus Privatbesitz. Neben 80 Gemälden werden Zeichnungen, Fotocollagen, übermalte Fotografien, Druckgrafiken und Künstlerbücher präsentiert. Auf 1200 Quadratmetern durchlaufen die Besucherinnen und Besucher Richters Schaffensprozess von 1957 bis 2018.

Landschaften aus zweiter Hand

Von Anbeginn sieht Richter die Landschaft durch das mechanische Reproduktionsmedium der Fotografie. Überwiegend eigene Fotos bilden den Fundus für diese Bilder. Der Künstler stellt somit im Prinzip keine Landschaften, sondern Fotografien von Landschaften dar. Die spezifisch fotografische Ästhetik von Ausschnitt, Bildaufbau und Farbigkeit bleibt deutlich sichtbar, wie etwa in dem Ölgemälde «Waldhaus» (2004) mit Blick auf das Angestelltenhaus des berühmten Hotels in Sils Maria. Damit beginnt seine kritische Reflexion der verlorenen Möglichkeiten der Malerei.

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Gerhard Richter, Abstrakte Landschaft, 1969, Privatsammlung München © Gerhard Richter
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Gerhard Richter, Stadtbild PX, 1968 (Detail), Wittelsbacher Ausgleichsfonds - Sammlung Prinz Franz von Bayern, seit 1984 in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München, Foto: Blauel/Gnamm/ARTOTHEK © Gerhard Richter
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Gerhard Richter, Eis, 1981, Sammlung Ruth McLoughlin, Monaco @ Gerhard Richter
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Gerhard Richter, Abstraktes Bild, 1987, Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover; Foto: bpk / Sprengel Museum Hannover / Aline Herling / Michael Herling / Benedikt Werner @ Gerhard Richter
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Gerhard Richter, Ohne Titel (Febr. 92), 1992, Privatsammlung; Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf @ Gerhard Richter
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Gerhard Richter, St. Moritz, 1992, Privatbesitz Schweiz @ Gerhard Richter
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Gerhard Richter, Dschungelbild, 1971, Privatsammlung, Courtesy Ceylan Ecer; Foto: Courtesy Sotheby‘s @ Gerhard Richter
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Gerhard Richter, Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992, Sammlung Peter und Elisabeth Bloch; Foto: Christoph Schelbert, Olten @ Gerhard Richter
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Gerhard Richter, Seestück (See-See), 1970, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie; Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders @ Gerhard Richter

Landschaften in der Abstraktion

Vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden stark abstrahierte Gebirgs-, Park- und Stadtbilder, die die Möglichkeiten einer ursprünglich fotografisch basierten Abstraktion malerisch noch weiter ausloten. Diese Werke changieren zwischen abbildhaft dargestellten Landschaftsmotiven und einer selbstreferenziellen Farbmaterialität in breiten Pinselstrichen. Bei diesem dualistischen Prinzip geht es nicht um eine klassische Abstraktion im Sinne einer Autonomisierung der Form, sondern vielmehr um die Frage, wie weit man – ausgehend von fotografischen Vorlagen – die Verselbständigung der Form treiben kann. Das zweiteilige, 250 x 680 cm messende Werk «St. Gallen» (1989) ist in der Abstraktion so weit gediehen, dass selbst Einheimische keine topografischen oder architektonischen Merkmale ihrer Stadt wiedererkennen.

Landschaften als fiktionale Konstrukte

In den 1970er- und 1990er-Jahren produzierte Richter auch Landschaften in Form fiktionaler Konstrukte. Anhand von Ölgemälden, Druckgrafiken, Fotocollagen und einem dreidimensionalen Objekt stellt er Landschaften und monumentale Räume dar, die es in der Wirklichkeit nicht geben kann. Meeres-, Berg- und Wolkenbilder wurden motivisch so zusammengesetzt, dass sie aufgrund ihrer Grösse oder Anordnung jede reale Erfahrung übersteigen.

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Gerhard Richter, Venedig (Treppe), 1985, Art Institute of Chicago, Schenkung Edlis Neeson Collection; Foto: bpk / The Art Institute of Chicago / Art Resource, NY © Gerhard Richter

Übermalte Landschaften

Ungegenständliche Übermalungen mit Ölfarben entstehen ab 1965, wobei so vielfältige, immer auch physisch geprägte Techniken wie das Abklatschen, Abschaben, Aufspachteln und Überrakeln zum Einsatz kommen. Durch die Fotografie einer Landschaft wird abbildhaft ein gegenständliches Motiv vermittelt, während gleichzeitig eine abstrakte Farbmaterie auf der Fläche appliziert wird. Diese zwei Wirklichkeitsebenen – auch mit Titeln ohne Ortsangabe wie bei «10.Apr.2015» (2015) – erscheinen als eine ineinander verzahnte Einheit, sie gehen hier eine enge, spannungsreiche und zugleich subtile Verbindung ein.

« Solche Werke zeigen meine 'Sehnsucht', sie sind ein 'Traum nach klassischer Ordnung und heiler Welt.' » — Gerhard Richter, 1981

Landschaft in unruhigen Zeiten

Unsere Bewunderung für Landschaften und ihre ästhetische Qualität steigt zu Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Und ihre Wertschätzung wächst mit deren Verwüstung durch Kriege und ökologische Katastrophen. Die Evokation eines starken Gefühls ist der Kunst- und der Landschaftsbetrachtung gemein. Das Jahr 2021 steht noch im Zeichen der Corona-Krise, deren spürbarste Konsequenzen auf persönlicher Ebene das Physical Distancing sowie die starken Mobilitätseinschränkungen sind. Die Programmierung der Ausstellung in dieser Zeit ist ein Hoffnungsschimmer. Ein Besuch im Kunsthaus Zürich macht deutlich, wie wertvoll sinnliche Erfahrungen im gemeinschaftlichen Rezeptionsvorgang sind, vor allem dann, wenn sie zu Projektionsflächen von Sehnsucht werden, wie im Falle von Gerhard Richters Landschaften.

In Zusammenarbeit mit dem Bank Austria Kunstforum Wien.
Kuratoren: Hubertus Butin (Berlin) und Cathérine Hug (Kunsthaus Zürich)

Abb: Gerhard Richter, 8. Juni 2016 (7), 2016, Privatsammlung © Gerhard Richter

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